Für einen kurzen Moment sah es so aus, als würde die Oberfläche halten, doch dann begann er zu versinken. Erst langsam und dann immer schneller, bis er nach nicht einmal einer Sekunde verschluckt worden war. Dem zweiten ging es genauso. Auch er sank in durch die braune Oberfläche und verschwand für immer. In wenigen Sekunden würde die Hitze ihn aufgelöst haben.

Scott seufzte und ließ ein drittes Stück Würfelzucker in den Kaffee fallen, dann schüttete er etwas Milch hinterher und rührte alles mit dem Löffel um. Eigentlich mochte man meinen, dass die Bewegung die Zuckerwürfel gegen das Porzellan des Bechers hätte schlagen lassen, doch dem war nicht so. Sie waren bereits fort, würden nur ihre Süße in dem bitteren Gebräu hinterlassen.

Ganz so wie die Liebe diese bittere Welt süßer machte. Doch wenn man versuchte, sie nach der ersten Berührung wiederzufinden, hatte sie sich aufgelöst und einem blieb nichts mehr außer einem leeren Platz neben sich im Bett, während sie mit dem reichen Chef, der einen teuren Wagen fuhr und durch die harte Arbeit seiner Angestellten im Geld schwamm, auf und davon war.

Scott lachte auf, als er merkte, dass er jetzt seine letzte gescheiterte Beziehung schon auf einen Becher Kaffee projektierte.

»Zeit an die Arbeit zu gehen, Walker!«, wies er sich selbst murmelnd zurecht und verließ die schäbige Büroküche.

Er nahm seine dunkelblaue Jacke von der Lehne des Schreibtischstuhls und setzte die dämliche Mütze auf, die zur Uniform gehörte. Er hatte Schirmmützen schon immer gehasst, doch welche Wahl blieb einem schon? Eine beschissene Uniform für einen beschissenen Job. Aber irgendwie musste man ja die Miete bezahlen. Und so bescheiden, wie seine Bleibe war, so teuer war sie auch.

Was sollte man machen? Es war eben New York, und dort eine bezahlbare, schöne Wohnung zu finden war unwahrscheinlicher als ein Lottogewinn.

»Bist du so weit?«, riss ihn die genervte Stimme von Officer Dane aus den trüben Gedanken.

Er sah seine Kollegin an, die die Arme vor der Brust verschränkt hatte und ungeduldig mit dem Fuß auf den Boden tappte.

Alice Dane mochte ihn nicht und Scott mochte sie nicht. Was nichts daran änderte, dass sie einander als Partner zugeteilt worden waren und nun jeden Tag – oder Abend – gemeinsam Streife fahren mussten. Es würde wieder eine anstrengende Schicht werden. Aber zumindest würde es nicht langweilig werden. Einen Drogendealer, ein paar Nutten oder anderes Gelichter nahm man eigentlich jede Nacht hopps. Hier in der Stadt schien sich der Abschaum der Menschheit zu sammeln, zumindest wenn man nach den Straftaten ging.

»Komme schon«, antwortete er Dane und folgte ihr durch die Flügeltür, den Gang hinunter, über die Treppen in das Parkhaus des Reviers, wo ihr Dienstwagen stand. »Wer hat Lust auf eine schöne Nacht der Verbrecherjagd?«, versuchte er halbherzig einen Witz zu machen, erntete jedoch nur ein herablassendes Hochziehen einer säuberlich und dünn gezupften Augenbraue. »Schon gut. Ich halte meine Klappe«, seufzte er.

»Wäre auch besser für dich und deine Gesundheit«, sagte Dane und setzte sich auf den Beifahrersitz.

Es hatte Scott eigentlich überrascht, dass diese herrschsüchtige Polizistin ihm jedes Mal das Steuer überließ. Doch auch das tat sie wahrscheinlich nur, um ihn ununterbrochen zu belehren, was er alles falsch machte.

Scott arbeitete schon seit fast zwei Jahren im Team mit Alice Dane und hatte anfangs noch versucht, einen Draht zu ihr zu finden, es jedoch bald aufgegeben. Sie war einfach unglaublich unzugänglich, kalt wie Eis. Von allen Seiten des Reviers war ihm anfangs Mitleid entgegengeschlagen, dass er diese Partnerin abbekommen hatte, und irgendwann hatte er es verstanden. Sie war in keiner Weise darauf aus, Freunde zu finden oder eine gute kollegiale Beziehung aufzubauen. Dane war einer dieser Menschen, die mit Vorliebe schlechte Laune verbreiteten. Ihre Tochter konnte einem echt nur leid tun. Und seit Lisa ihn verlassen hatte, war Alice Scotts Haupt-Sozialkontakt geworden. Und sie machte das Leben etwa so süß wie stärkster schwarzer Kaffee.

Also verzichtete Scott auch heute auf jede Kommunikation und zog einfach seine Runden durch die Straßen, beobachtete, wie die Straßenlaternen angeschaltet wurden, während die Welt immer dunkler wurde. Nur noch ein paar Stunden, dann hatte er Feierabend und konnte in seine Wohnung zurück.

»Halt an!«, ließ ihn Danes kalte Stimme zusammenfahren.

Sofort trat er auf die Bremse und sah keinen Augenblick später, was seine Partnerin gemeint hatte. Auf dem Bürgersteig nur wenige Meter entfernt standen ein Mann und eine Frau. Die Frau war jung, gut gekleidet, auch wenn ihr Kleid etwas zu kurz erschien und die Schuhe zu hoch.

Wohl auf dem Weg in einen Club das Mädchen.

Der Mann war etwa im gleichen Alter, doch er wirkte etwas heruntergekommen, trug nur eine Jogginghose und einen Pulli mit College-Aufdruck. Die Haare waren unordentlich, ungewaschen – oder war das heute Mode bei den jungen Menschen? Gott, Scott war selbst gerade einmal Anfang Dreißig, fühlte sich jedoch oft schon so unglaublich alt.

Der Mann hatte die Frau am Handgelenk gepackt und schien sie mit sich ziehen zu wollen, während sie sich wehrte.

Schnell stiegen Scott und Dane aus dem Auto und gingen raschen Schrittes zu den Beiden hinüber.

»Gibt es Probleme?«, fragte Scott streng.

Der Mann schien sie zuvor nicht bemerkt zu haben, da er nun das Handgelenk der Frau losließ, welches diese sofort mit ihrer anderen Hand bedeckte, ganz so als würde es schmerzen.

»Nein, ich…«, begann der Mann, doch Dane wandte sich an die Frau: »Hat er Sie belästigt?«

Die Frau nickte. »Er folgt mir seit Tagen, lauert mir auf und will…« Ihre Stimme brach.

»Nein, sie… sie hat…« Der junge Mann richtete den Blick auf die Frau. »Ich sehe dich… jeden Tag! Ich habe noch nie jemanden das tun sehen, was du getan hast! Bitte! Ich muss es sehen, nur noch einmal! Bitte!« Er streckte die Hände nach ihr aus. »Meine Liebste! Nimm meine Hände und sieh mir in die Augen!«

»Bitte, Officers! Halten Sie ihn von mir fern! Er ist wahnsinnig!«, bat die Frau und auch Scott musste eingestehen, dass der Mann etwas von einem Geisteskranken hatte, von einem Besessenen.

»DU HAST DAS MIT MIR GEMACHT! LASS ES MICH SEHEN!«, brüllte der Verrückte und wollte sich auf sein Opfer stürzen, doch mit einem geübten Handgriff packte Scott ihn und brachte ihn zu Boden.

Dane reichte ihm ein paar Handschellen, sodass er den Angreifer ordnungsgemäß verhaften konnte. Sie würden ihn ins Revier bringen. Dort würde man ihn verhören und dann entweder einsperren oder einweisen. Je nach dem, unter welchen Drogen er stand. Scott brachte den tobenden jungen Mann zum Streifenwagen, während Dane die Personalien der jungen Frau aufnahm und ihre Aussage protokollierte.

Aus dem Wagen heraus hatte der Officer einen guten Blick auf beide. Die junge Dame war schon sehr hübsch, ein ebenmäßiges Gesicht, große blaue Augen und goldblonde, lockige Haare, die ihr weit über den Rücken fielen.

»Sie ist so hübsch«, hörte er die Stimme des Verhafteten von hinten, weinerlich. »Wieso will sie mich nicht mehr?«

»Ich bezweifle, dass sie Sie je gewollt hat«, murmelte Scott, bevor er den Blick abwandte und den letzten Rest seines mittlerweile kalten Kaffees hinunterkippte, darauf wartete, dass Dane zurückkehrte.

Als diese schließlich wieder einstieg, sagte sie nur: »Lass uns den Spinner abliefern!«

Dies hatten sie recht schnell getan und brachen wieder zur Streife auf, die jedoch sehr ruhig verlief. Noch einmal scheuchten sie einige Jugendliche Kiffer auf, doch mehr passierte nicht, sodass Scott nach der langweiligen, langen Nacht schließlich den Heimweg antreten konnte. Da er in der Wohnung eh nichts mit sich anzufangen wusste, ging Scott einfach ins Bett und starrte in die Dunkelheit, bis er schließlich einschlief.

Er wachte jedoch viel zu früh auf. Nicht mal acht Uhr am Morgen war es. Und er musste erst Abends um siebzehn Uhr wieder zu seiner Schicht aufbrechen. Doch schlafen konnte Scott irgendwie auch nicht mehr. Also schleppte er sich ins Wohnzimmer und schaltete den Fernseher an. Aber außer den Nachrichten lief um diese Zeit nur das Kinderprogramm oder der totale Schrott. Also bleib er bei den Nachrichten hängen.

Irgendein dämlicher Idiot war von einem Hochhaus in den Tod gehüpft. Diese publicity-geilen Sender zeigten sogar das Bildmaterial, was Gaffer aufgenommen hatten, anstatt den Mann von dieser Tat abzuhalten. Ganz ehrlich, da hätte doch nur einer beherzt zugreifen müssen und den Irren von der Kante wegholen.

Aber nein, lieber hielten sie alle die Kamera drauf.

In schlechter Qualität sah er den Selbstmörder die Menge anschreien: »Ich muss es sehen! Nur noch einmal! Doch ich weiß nicht, wo… Aber ich sehe SIE! Ich sehe sie… Ich habe noch nie jemanden gesehen, der das getan hat, was sie getan hat! Ich kann nicht! Ich brauche es…« Dann wurde sein Blick leer. »Aber ich werde es nie wieder bekommen…« Und mit diesen leisen Worten ließ er sich rückwärts in den Tod fallen, begleitet von dem geschockten Aufkeuchen der Menge.

Scott saß wie angewurzelt auf seinem Sofa. Nicht, weil ihn die Bilder des Selbstmordes sonderlich trafen.

Nein, es waren seine Worte gewesen.

Diese Worte, die unzusammenhängend aus dem Mund eines Irren gekommen waren. Doch der Inhalt… der Wortlaut. Sie erinnerten den Officer an etwas.

Der Angreifer aus der Nacht! Er hatte ähnlich gesprochen! Oder nicht?

Und auch er hatte verrückt gewirkt.

War das Zufall? Oder mehr?

Scott wusste selbst, dass er wahrscheinlich einfach nur irgendeine Beschäftigung suchte, nach etwas griff, damit er wieder einen Sinn in seinem Leben sehen konnte, zumindest vorübergehend. Doch das hielt ihn nicht auf, als er keine Stunde später das Revier betrat. Er war zivil gekleidet, hatte sich die schwarzen Haare nicht einmal gekämmt, geschweige denn gestylt. Nur seine Marke und den Ausweis hatte er dabei, schließlich begehrte er Akteneinsicht.

Da es sich um keinen prekären Fall handelte, war es nicht schwer, an die Akte zu kommen. Scott staunte immer wieder, wie schnell und gut die Archivierung hier vonstatten ging. Denn die Akte war längst sauber und vollständig abgelegt worden.

Er zog sich an seinen Schreibtisch zurück und blätterte die Akte durch. Der Typ von letzter Nacht trug den Namen Alexander Thurman, war 24 Jahre alt, und hatte das selbe irre Verhalten im Verhör gezeigt. Keine klaren Aussagen waren über seine Lippen gekommen, er hatte wie auf Drogen gewirkt, doch die Tests hatten nichts ergeben.

So war man zu der Einschätzung gekommen, dass es etwas Psychologisches sein musste, und hatte ihn ins NYSPI überstellt. Scott überflog das Protokoll des Verhörs noch einmal.

Nie habe ich jemanden tun sehen, was sie getan hat. – Was hat sie denn getan? – Ich musste sie einfach ansehen. Ich muss es wieder sehen! – Was müssen Sie wieder sehen? – Ich sehe sie immer wieder…. jeden Tag… ich will einfach nur weinen… – Bitte beantworten Sie meine Frage! – Ich werde sie dazu bringen, dass sie es noch einmal tut! – Sie werden Sie nicht verletzen! – Ich werde sie dazu bringen, dass sie für mich tanzt!

Scott brauchte nicht einmal das Audiomaterial anhören, um zu wissen, dass ihm diese letzten protokollierten Worte des Irren eine Gänsehaut den Rücken hinunterschicken würden.

Was für kranke Schweine es doch gab!

Und doch verspürte Scott das Bedürfnis, mit Thurman noch einmal zu sprechen, da seine Äußerungen wirklich stark denen des Selbstmörders entsprachen. Und Scott hatte da einfach dieses Bauchgefühl, dass es kein reiner Zufall gewesen war.

Er wagte noch einen schnellen Blick auf das Opfer der letzten Nacht. Phyllis Dawson, auch 24 Jahre alt, hatte angegeben, dass Thurman ein Kommilitone war, mit dem sie jedoch nie viel zu tun gehabt hatte. Sie konnte sich nicht erklären, wieso er plötzlich so besessen von ihr gewesen war.

Nun, da würde sich ein Gespräch mit Thurman vielleicht wirklich lohnen. Vor allem, wenn er vielleicht schon Medikamente bekam und klare Aussagen zu machen imstande war.

Scott suchte die genaue Adresse des NYSPI heraus, dann ging er zu seinem Dienstwagen und fuhr zu der Klinik. Schnell begab er sich zum Empfang, wo ihn eine freundliche Schwester empfing.

»Guten Tag. Was kann ich für Sie tun?«, fragte sie höflich.

Er zeigte ihr seine Marke. »Ich hätte noch einige Fragen an einen jungen Mann, der letzte Nacht von den Kollegen gebracht wurde. Alexander Thurman.«

Entgegen seiner Vermutungen sah sie nicht in der Datenbank des Computers nach, sondern runzelte die Stirn. »Ihre Kollegen sind bereits oben.«

»Meine… Kollegen?«, fragte Scott verwundert.

»Mr. Thurman hat sich letzte Nacht das Leben genommen«, informierte die Schwester ihn.

Dem Officer klappte der Mund auf. »Was? Wie?«

»Es ging so schnell… niemand hatte damit gerechnet«, erzählte sein Gegenüber ernst. »Ganz plötzlich ist er zur Wand gelaufen und hat begonnen seinen Kopf dagegen zu schlagen. Die Pfleger waren schnell bei ihm, doch er hatte sich bereits tödliche Wunden beigebracht.«

Scott traute seinen Ohren kaum. Das war… das konnte doch kein Zufall sein! Der zweite Selbstmord innerhalb eines Tages und beide hatten zuvor von Sinnen fast die gleichen Worte genutzt.

Da konnte doch irgendetwas nicht stimmen!

»Okay, danke«, sagte er zerstreut zu der Schwester, bevor er das NYSPI verließ und zurück zu seinem Dienstwagen ging.

Was sollte er jetzt tun? Auf sich beruhen lassen kam nicht in Frage.

Er wollte verdammt sein, wenn da nicht mehr dahinter steckte!

Nein, seine Schicht begann erst in fünf Stunden, und diese Zeit würde er nutzen. Er würde sich die Akte dieses Selbstmörders besorgen. Vielleicht gab es ja irgendeine Verbindung zwischen den Beiden.

Die musste es einfach geben!

Fast zwei Stunden später legte Scott seine Stirn erschöpft auf dem Schreibtisch ab. Er war die frisch reingekommene Akte Edward Browns bereits mehrmals durchgegangen, doch der Selbstmörder hatte ein sehr unauffälliges Leben geführt, langweilig mochte man fast sagen. Er war Paketbote bei UPS gewesen, mittelmäßiger Schulabschluss, keine Vergangenheit mit Drogen. Auch seine Freundin hatte ihn als glücklichen Mann ohne nennenswerte Probleme beschrieben. Sie hatte sich in keiner Weise erklären können, wieso ihr Freund so plötzlich verrückt geworden war. Es gab keine Verbindung zu Thurman.

Scott rieb sich die Augen und überlegte, ob er sich noch einen Kaffee machen sollte, um die paar Stunden bis zu seiner Schicht noch durchzuhalten, bevor er die Dosis würde erhöhen müssen, um weiterhin wach zu bleiben, als das Telefon auf seinem Schreibtisch klingelte.

Er nahm ab. »NYPD, Officer Scott Walker hier«, meldete er sich auf die Art, wie jeder andere Polizist sich hier ebenfalls melden würde.

»Officer Walker? Hier ist Phyllis Dawson«, hörte er eine angenehme weibliche Stimme durch die Muschel an seinem Ohr. »Ihre Kollegin hatte mir letzte Nacht den Kontakt gegeben, falls mir noch etwas einfiele.«

Ja, das war die übliche Vorgehensweise. Wahrscheinlich hatte Dane ihr ihre Karte gegeben, aber da sie noch nicht hier war, wurden die Anrufe, die sie bekam, zu ihm umgeleitet.

»Ja, ich erinnere mich an Ihren Fall. Wir haben Alexander Thurman in Gewahrsam genommen, der Sie belästigte«, bestätigte er, dass er noch wusste, wer sie war.

»Ja, genau«, sagte Dawson. Sie wirkte nervös. »Ich wollte Sie fragen, wie es ihm geht.«

»Wieso interessieren Sie sich dafür?«, fragte Scott wachsam.

Ein kurzes Zögern. »Ich… ich kannte ihn nicht gut, aber ich… er war ein Kommilitone und sein Verhalten war so verstörend… geht es ihm besser?«

Ihre Sorge klang aufrichtig. Scott wusste zwar nicht, ob er diese Information schon herausgeben durfte, doch bekannt würde es bald werden, also wieso nicht?

»Er wurde in eine Klinik eingewiesen, in der er die notwendige Behandlung erhalten sollte«, informierte er Phyllis Dawson. »Bedauerlicherweise kam die Hilfe wohl zu spät. Er nahm sich vor einigen Stunden das Leben.«

Er hörte, wie am anderen Ende der Leitung geschluckt wurde. »Oh, Gott!«, kam es dann ganz leise bei ihm an. »Danke für die Auskunft.« Einen Moment später war die Leitung tot.

Ein paar Sekunden starrte Scott den Hörer in seiner Hand verwirrt an, vernahm das schnelle Tuten, bevor er auflegte. Das war wirklich eigenartig gewesen. Er nahm die Akte von Thurman erneut zur Hand und blätterte bis zu den Informationen über Dawson. Doch nichts davon war auffällig.

Nichts außer…

Schnell griff er nach der Akte Browns und schlug sie ebenfalls auf. Tatsächlich. Die gleiche Zahl. Edward Brown war als UPS-Fahrer für den Bezirk zuständig gewesen, in dem Phyllis Dawson lebte.

Da war die Verbindung, nach der er gesucht hatte!

Phyllis Dawson.

Sie könnte Kontakt zu beiden Selbstmördern gehabt haben. Es war nur eine kleine Verbindung, die auch zufällig sein könnte, doch Scott wollte ihr nachgehen.

Noch fast drei Stunden hatte er. Er konnte zu Dawson fahren, sie befragen, ob sie Brown gekannt hatte, und dann wieder herkommen, ohne zu spät zu seiner Schicht zu erscheinen. Und es würde verhindern, dass er am Schreibtisch einpennte.

Er nickte sich selbst zu, nahm die Jacke und Schirmmütze, zog sie an und ging dann wieder zu seinem Dienstwagen. Scott wusste etwa, wohin er fahren musste, den Rest würde das Navi machen. Und so dauerte es nur etwa eine halbe Stunde, bis er vor der richtigen Adresse hielt und auch direkt einen Parkplatz vor dem Haus fand. Er stieg aus und ging zur Haustür. Es waren zehn Klingelschilder angebracht. Nach diesen zu urteilen wohnte Phyllis Dawson im Erdgeschoss auf der rechten Seite.

Scott runzelte die Stirn. Diese Wohnung war ihm gerade als erstes aufgefallen, da ungewöhnlicherweise die Vorhänge zugezogen waren. Und das mitten am Tag. Vielleicht war sie nicht zuhause. Doch er hörte leise Musik bis auf die Straße, die ohne Zweifel aus Dawsons Wohnung kam. Also musste sie zuhause sein.

Verbarg sie also etwas?

Irgendwie zögerte Scott, einfach so zu klingeln. Stattdessen trat er von der Tür weg und prüfte, ob er durch eines der Fenster trotz zugezogener Vorhänge vielleicht etwas erkennen könnte, was Dawson zu verbergen versuchte.

Und er hatte Glück. Das am weitesten rechts gelegene Fenster war schlampig verdeckt worden, sodass ein schmaler Spalt zwischen den dunkelgrünen Vorhängen entstanden war, durch den er einen Blick in ein gemütliches Wohnzimmer mit bunt zusammengewürfelten Möbeln werfen konnte. Einen Moment später erblickte er auch Phyllis Dawson.

Was tat sie da?

Als er mit dem Kopf begriff, was sein schneller schlagendes Herz längst erkannt hatte, klappte ihm der Mund auf und seine Augen wurden groß. Er konnte den Blick nicht abwenden, auch wenn er tief im Innern wusste, dass er es tun sollte, bevor es zu spät war.

Doch noch bevor er diesen Gedanken zu Ende gedacht hatte, war es bereits zu spät.

Scott Walker war verloren.


Als Alice Dane zu Beginn ihrer Schicht ins Revier kam, war der Schreibtisch, welcher dem Ihren gegenüber stand, verwaist. War ja klar, dass Walker noch nicht da war.

Gut, ganz so klar war das nicht, denn für gewöhnlich war ihr Partner pünktlich. Doch da sie keine großen Stücke auf ihn hielt, passte es irgendwie in Alices Bild von ihm. Sie wusste selbst nicht so genau, woher diese Abneigung gegen Scott Walker kam. Wahrscheinlich hatte er die gleiche Ursache wie ihre Antipathie ihren letzten Partner betreffend und die ganzen anderen Officers. Denn sie erinnerten sie alle daran, was sie war.

Ein schäbiger Officer.

Und was es noch schlimmer machte, war die Tatsache, dass sie alle damit zufrieden zu sein schienen. Zufrieden damit, Streifenpolizisten zu sein, den Frieden in den Straßen zu sichern. Keiner von ihnen schien höhere Ambitionen zu haben.

Keiner außer Alice.

Sie hatte schon immer von einer Karriere als Detective geträumt, hatte hart dafür gearbeitet. Und dann war sie schwanger geworden, hatte sich von diesem Arschloch schwängern lassen, der natürlich keinerlei Verantwortung hatte übernehmen wollen. Und damit war es das mit der Beförderung gewesen. Eine alleinerziehende Mutter hatte es schwer. Ihre Schwester half ihr, doch tagsüber – solange Kate arbeiten war – musste Alice auf ihre kleine Prinzessin aufpassen. Somit kam sie immer nur für die Nachtschichten infrage. Die Nachtschichten als beschissene Streifenpolizistin.

Alice beschloss, Scott noch eine halbe Stunde zu geben – sie fühlte sich heute gnädig – und begab sich in die Büroküche, um sich einen extra starken Kaffee zu kochen. Das war der Sprit, mit dem sie am Laufen blieb. Denn viel Schlaf war in ihrem Tagesablauf nicht drin.

Vielleicht rührte ihre schlechte Laune auch daher.

Oder von der Tatsache, dass ihr Leben mit Ausnahme von Lilly, ihrem Ein und Alles, eine einzige Sackgasse war, an die Wand gefahren, und jede Hoffnung auf eine Besserung vergebens schien.

Sie setzte sich an ihren Schreibtisch, fuhr den Computer hoch und sah sich die Mails durch. Doch nichts wirklich spannendes fand sich darin. Also spielte sie ein paar Runden Solitär, immer wieder einen kritischen Blick auf die Uhr und dann auf den Schreibtisch ihres Kollegen werfend.

Wo blieb Walker nur?

»Hey, Jones!«, rief sie einen Officer, der soeben Feierabend machen wollte, und von dem sie wusste, dass er ganz gut mit Walker konnte. »Hast du eine Ahnung, wo mein geschätzter Partner ist?«

Carl Jones zuckte die Schultern. »Er war heute den Tag über öfter hier, hat über irgendwelchen Akten gebrütet, ist aber vor gut drei Stunden abgerauscht.«

»Irgendeine Ahnung, wohin?«, wollte Alice wissen.

Jones zuckte nur wieder wenig hilfreich die Schultern und sie wünschte ihn stumm zum Teufel.

Wieso war hier jeder unfähig?

Sie sah erneut auf die Uhr. Sie mussten demnächst wirklich zur Streife aufbrechen! Wenn sie dies nicht taten, würde es mit Sicherheit Ärger geben. Und Ärger konnte Alice nun wirklich nicht gebrauchen.

»Scheiße, Walker!«, schimpfte sie leise, bevor sie die Kartei der Angestellten des Reviers aufrief und sich die Nummer heraussuchte, die ihr Partner als Privatkontakt angegeben hatte.

Bisher hatte sie noch nie den Drang verspürt, ihren Kollegen privat anzurufen, doch da es sich um eine mobile Nummer handelte, würde da die Wahrscheinlichkeit hoch sein, dass er abnahm. Und dann müsste sie nicht warten, bis er eintrudelte, um ihn zur Schnecke zu machen.

Sie wählte sein Mobiltelefon an und es erklang das Freizeichen. Doch niemand nahm den Anruf entgegen. Wahrscheinlich lag das Handy irgendwo rum, oder er hatte es gar nicht dabei, wenn er unterwegs war.

»Scheiße!«, fluchte Alice noch einmal, bevor sie auflegte und sich auf die Lippe biss.

Sie musste Walker irgendwie finden.

Hatte Jones nicht etwas von Akten gesagt?

Sie umrundete die Schreibtische und ließ sich auf dem Stuhl ihres Partners nieder. Auf dem Schreibtisch lagen zwei Akten. Einmal die von Alexander Thurman – dem Typen, den sie gestern Nacht festgenommen hatten – und dann seltsamerweise die von diesem Selbstmörder aus dem Fernsehen, Edward Brown.

Was hatte er damit vorgehabt?

Alice war die Beste ihres Jahrgangs auf der Polizeischule gewesen, hatte eine schnelle Auffassungsgabe und gute deduktive Fähigkeiten, deshalb hatte sie keine zehn Minuten später herausgefunden, wieso genau diese beiden Akten hier auf dem Tisch lagen: Beide Männer hatten ähnliche Dinge geäußert und schienen irre zu sein.

Ein Telefonanruf lieferte eine weitere Gemeinsamkeit: Beide Männer hatten Selbstmord begangen. Und nun machten auch die farbigen Marker, die Walker in die Akten geklebt hatte, einen Sinn. Edward Brown hatte in dem selben Bezirk Pakete ausgeliefert, in dem Thurmans Opfer und Kommilitonin Phyllis Dawson wohnte.

Und das Gesprächsprotokoll von Walkers Telefon zeigte einen Kontakt mit Dawson.

Da auch der Dienstwagen weg war, zählte Alice eins und eins zusammen, setzte sich in ihren Privatwagen und fuhr zu Dawsons Adresse.

Sie fühlte die erste Welle der Bestätigung, als sie ihren Dienstwagen vor dem Haus parken sah.

Alice überprüfte, ob ihre Waffe ordnungsgemäß geladen und einsatzbereit war, bevor sie ausstieg und sich zu dem Haus begab. Auf den ersten Blick sah sie, dass Dawson in der untersten Wohnung mit den zugezogenen Vorhängen lebte. Alice klingelte und wartete ab.

»Wer ist da?«, hörte sie dann die Stimme der jungen Frau, mit der sie gestern gesprochen hatte, durch die Gegensprechanlage.

»Officer Alice Dane, NYPD«, informierte sie professionell. »Ich möchte mich gerne mit Ihnen unterhalten.«

Ein kurzes Zögern, dann… »Kommen sie rein.«

Die Tür würde freigegeben und Alice trat ein. Eine Hand hatte sie um ihre Dienstwaffe gelegt, da sie ein ungutes Gefühl beschlichen hatte. Hinter der Haustür wandte sie sich nach rechts, wo sich soeben eine hölzerne Wohnungstür öffnete. In dem entstehenden Spalt erschien Phyllis Dawson.

Heute sah sie anders aus als gestern. Sie trug Sportkleidung – Leggins und Top – und die langen Locken waren in einem Pferdeschwanz zusammengefasst. Sie war nicht geschminkt.

Sie wirkte nervös, beinahe verzweifelt, die Augen waren gerötet, ganz so als hätte sie geweint oder diese lange gerieben.

»Ich bin auf der Suche nach meinem Kollegen, Scott Walker«, sagte Alice. »Sein Wagen steht vor der Tür und er hat mit Ihnen telefoniert. Ist er bei Ihnen?«

Die junge Frau kniff für einen kurzen Moment die Augen zusammen, dann jedoch ruckartig nickte. Dabei fielen ihre Schultern nach vorne. Sie ließ sich hängen. »Ja«, murmelte Phyllis. »Kommen Sie rein.«

Die Studentin öffnete die Tür weiter und ließ Alice eintreten. Die Polizistin blieb aufmerksam, wachsam, bereit, sich jederzeit zu verteidigen, achtete darauf, dass sie Dawson nicht den Rücken zukehrte. Denn mittlerweile hatte sie das Gefühl, dass diese Kleine nicht so unschuldig, so ungefährlich war, wie sie sich ausgab.

Der Eingangsbereich mündete direkt in ein gemütliches Wohnzimmer. Die Möbelstücke waren heimelig, aber passten nicht zueinander. Es war düster, da die Vorhänge vorgezogen waren. Und doch brauchte Alice keine zwei Sekunden, um ihren Partner zu erkennen, der auf dem Sofa saß.

»Walker!«, sprach sie ihn schroff an.

Als er nicht reagierte, ging sie, jede Vorsicht fahren lassend, zu ihm und fasste ihn am Kinn. Er schien unverletzt, doch nicht wirklich geistig anwesend.

»Es tut mir leid! Ich wollte das nicht!«, hörte sie eine weinerliche Stimme in ihrem Rücken.

Alice drehte sich um und sah, wie Phyllis Dawson sich auf einen Sessel hatte fallen lassen und sich die Haare raufte.

»Was haben Sie mit ihm gemacht? Und mit Edward Brown und Alex Thurman?«, fragte Alice gerade heraus.

»Mum hat mir immer gesagt, dass mich niemand dabei sehen sollte… ich habe auf sie gehört, ich tat es nie vor anderen«, murmelte Phyllis. »Aber ich wusste nicht, wie gefährlich es ist. Es tut mir leid!«

»Was tut Ihnen leid? Was haben Sie mit meinem Kollegen gemacht?«, fragte Alice erneut, während sie ihre Waffe fester packte. »Was hätten Sie nicht tun sollen?«

»Ich habe ihr Leuchten gesehen«, hörte sie dann leise die Stimme Walkers. Sie sah ihn an, doch er hatte nur Augen für Phyllis. Er stand auf und ging auf sie zu, kniete sich vor sie. »Ich sehe es immer wieder… dich immer wieder. Bitte, tanz noch einmal für mich!«

»Walker? Geht es dir gut?«, fragte Alice, bekam jedoch keine Antwort, weswegen sie sich an die Studentin wandte. »Was meint er damit?«

»Er will, dass ich für ihn tanze«, antwortete Phyllis mit Tränen in den Augen.

»Ich habe noch nie jemanden gesehen, der das getan hat, was du getan hast!«, sprach ihr Kollege die Worte, die Alice schon zweimal gehört hatte.

»Was ist hier los?«, fragte die Polizistin scharf.

Nun sah Phyllis sie direkt an. »Es… es liegt an mir«, sagte sie dann. »Ich weiß nicht, was ich bin. Aber meine Mutter war auch so. Ich habe tief in mir ein Bedürfnis, das Bedürfnis, mich zu bewegen, zu tanzen. Wie ein Affe, der in mir herumspringt und mich dazu zwingt.« Sie rieb sich die Stirn. »Doch wenn mich jemand tanzen sieht, dann fallen sie in Trance, aus der sie nicht mehr erwachen. Sie wollen nichts anderes mehr, als mich tanzen sehen. Es raubt ihnen den Verstand.« Sie schüttelte den Kopf. »Nachdem meine Mutter gestorben war, wollte mein Vater, dass ich für ihn tanze. Immer und immer wieder.« Tränen traten in ihre Augen. »Er ließ mich tanzen und tanzen und wenn ich fertig war, wollte er alles direkt noch einmal. Er ließ mich nicht essen, nicht schlafen, nicht ruhen. Er hätte mich gezwungen zu tanzen, bis er oder ich gestorben wären. Und so lief ich weg. Ich weiß nicht, was aus ihm geworden ist. Doch das Bedürfnis zu tanzen ist geblieben. Ich tat es nur hier drin, nur alleine. Doch Brown sah mich durch die Fenster, als er schauen wollte, ob jemand zuhause ist, bei dem er ein Paket für die Nachbarin abgeben könnte. Und Alex stand auf mich. Er muss versucht haben zu spannen.« Sie sah Alice an, während die Tränen über ihre Wangen liefen. »Ich dachte, sie hätten lediglich den Verstand verloren, wären besessen. Ich dachte, man könnte vielleicht Alex helfen, indem man ihn einweisen würde. Ich erfuhr erst heute, dass sie sich beide das Leben nahmen… meinetwegen. Wegen meines Tanzes.«

»Ich mag deinen Style«, mischte sich Walker ein. Der klang wie ein verliebter Vollidiot. So gar nicht wie Scott Walker. »Tanz für mich, bitte! Bewege dich für mich! Bitte! Ich flehe dich an! Ich will dich nur noch ein Mal tanzen sehen!«

»Also… der bleibt jetzt so?«, fragte Alice die junge Frau.

Diese nickte. »Ich fürchte schon.«

»Scheiße!«, fluchte Alice und ließ sich auf das Sofa fallen, auf dem Walker soeben noch gesessen hatte.

Das Ganze war echt verrückt und verdammt schwer zu glauben.

Und doch tat sie es.

Es gab keine logische Erklärung dafür, dass cleane, vollkommen geistig gesunde Menschen plötzlich so besessen davon waren, jemanden tanzen zu sehen.

Und gab es nicht auch die Legende von Feenkreisen, in denen Feen und Faune getanzt hatten? Oder Leuten, die durch Tänze von Feen wahnsinnig geworden waren? Irgendwie sowas? Sie meinte sich zumindest an solche Mythen zu erinnern. Und jeder Mythos hatte ja bekanntlich einen Funken Wahrheit in sich.

»Und was kann man tun, um ihn zu retten?«, fragte sie Phyllis. »Wie hält man diese Besessenheit auf?«

Die junge Frau schüttelte den Kopf. »Ich weiß es nicht. Wirklich nicht.« Sie schluckte. »Bisher schienen sie als einzigen Ausweg zu sehen, sich selbst das Leben zu nehmen…«

»Das würde ich gerne vermeiden«, informierte Alice die Studentin kühl.

Diese rieb sich die Augen, raufte sich erneut die Haare. Ihr Anblick erregte Mitleid in Alice. Die Verzweiflung, die von Phyllis Dawson ausstrahlte, war so greifbar.

»Vielleicht…«, murmelte die junge Frau dann und sah zwischen Alice und Walker hin und her. Sie biss sich auf die Lippe.

»Was?«, fragte Alice. »Spucken Sie es aus! Wenn Sie eine Lösung haben, dann raus damit! Ich will nämlich nicht so mit dem zurück zum Revier!« Sie deutete auf ihren Partner. »Denn niemand wird diese Story glauben!«

»Naja, ich bin das Problem«, murmelte die Studentin. »Vielleicht…« Sie schloss die Augen, bevor sie ihren Blick auf Walker richtete. »Ich werde nicht für Sie tanzen, Officer Walker!«, sagte sie deutlich. »Nie wieder. Sie werden mich nie wieder tanzen sehen! Und Sie können mich nicht dazu zwingen!«

Sie stand auf und Alice zuckte zusammen, weil Scott ebenfalls aufstand, Phyllis, die sich an ihm vorbeidrängte, am Arm festhielt und wütend ansah. »Du wirst für mich tanzen! Nur für mich!«

»Nein!«, sagte Phyllis bestimmt und riss sich los, blieb jedoch wie angewurzelt stehen, als Walker seine Waffe auf sie richtete.

»Tanz für mich!«, befahl er und entsicherte die Waffe. »Tanz für mich!«

»Whoa! Ganz ruhig!«, mahnte Alice und richtete ihrerseits ihre Waffe auf Walker. »Runter mit der Waffe, Walker! Mach keinen Scheiß!«

Doch sie wurde ignoriert. Ihr Partner hatte nur Augen für die junge Frau, die jedoch den Kopf schüttelte.

»Ich werde nicht für Sie tanzen«, sagte sie. »Sie werden es nicht sehen. Nicht noch einmal. Nie wieder!«

Alice wollte ihr sagen, dass sie ruhig sein sollte, dass diese Worte ihren Kollegen nur wütend machen würden. Doch als sie den Blick der Studentin kreuzte, wurde ihr klar, dass diese es darauf anlegte.

»Ich bin das Problem«, hallten die Worte in ihrem Kopf wieder, und jetzt verstand Alice.

Phyllis Dawson wollte, dass das Problem aus der Welt geschafft wurde!

»Tanz für mich! Jetzt!«, verlangte Walker laut.

Er zitterte, doch seine Hand war ruhig.

Er würde schießen, wenn Alice nichts tat und Phyllis sich weiter weigerte, das wusste die Polizistin.

Sie musste etwas tun!

Sie krümmte den Finger um den Abzug, wusste jedoch nicht, wo die Kugel ihren Kollegen am besten treffen sollte, um ihn einfach nur vorübergehend aus dem Verkehr zu ziehen.

»Das werde ich nicht!«, hörte sie Phyllis‘ Stimme, gefolgt von einem Knall, der sie zusammenfahren ließ.

Sie riss die Augen auf, denn nicht sie hatte geschossen. Ihr Blick flog zu der Studentin, die soeben zusammenbrach. Alice musste nicht einmal zu ihr laufen, um die Lebensfunktionen zu prüfen, um zu wissen, dass die junge Frau tot war. Einen derart präzisen Schuss in die Stirn konnte niemand überleben.

Dennoch rannte sie zu ihr, denn vielleicht war ja ein Wunder geschehen.

Aber Wunder geschahen nicht. Das wusste Alice auch, denn die junge Frau hatte weder einen Puls noch atmete sie, während die Blutlache um ihren Kopf herum immer größer wurde.

»Oh, Gott!«, hörte sie in ihrem Rücken eine vertraute Stimme, gefolgt von einer Waffe die auf den Boden fiel. »Was hab ich getan?«

Sie wandte sich um und sah Walker auf dem Boden knien. Er hatte das Gesicht in den Händen vergraben.

»Bitte sag mir, dass ich… Hab ich sie getötet?«

In einem plötzlichen Anflug von Mitgefühl legte Alice die Arme um ihren Kollegen, zog ihn an sich. »Du waren nicht du selbst. Du hattest den Verstand verloren«, versuchte sie ihn zu beruhigen, während jedoch auch aus ihren Augen Tränen quollen. »Sie war gefährlich und sie wusste das. Zumindest hat sie nicht gelitten.«

Und es hatte funktioniert. Scott Walker war wieder bei sich. Und niemand sonst würde mehr zufällig unter diesen seltsamen Zauber fallen, der Phyllis Dawson angehangen hatte.

Doch all das entschuldigte nicht, dass hier eine junge Frau, die niemandem etwas böses gewollt hatte, nun tot war! Es hätte eine andere Möglichkeit geben müssen!

Irgendeine!

Doch nun war es geschehen. Alles, was nun noch zählte – so grausam und herzlos es auch klang – war, dass sie Beide nun heil aus dieser Geschichte herauskamen.


Er warf drei Zuckerstücke in den Kaffee, kippte etwas Milch hinterher. Dann nahm er die zweite Tasse an sich und kehrte in das Büro zurück. Die Tasse mit dem starken schwarzen Kaffee stellte er vor seine Partnerin auf das weiß lasierte Holz, bevor er sich auf seinen Platz setzte.

»Danke«, murmelte Alice, die gerade die Karteien durchforstete, die auch auf ihn warteten.

Zwei Wochen waren vergangen seit Dawson. Sie hatten den Ermittlern der Mordkommission erzählt, dass ihnen Phyllis Dawson als Verbindung zwischen den verrückten Selbstmördern aufgefallen war und sie dem nachgegangen waren. Er zuerst allein, da er sie nur befragen wollte, doch sie hatte ihn überwältigt. Als sie nach ihm suchen wollte, war Alice ihm nachgefahren. Aber auch sie war von Dawson angegriffen worden. Scott hatte sie schließlich in Notwehr erschossen.

Die beiden Officers hatten eine Rüge erhalten, weil sie eigenmächtig gehandelt hatten, und waren auf unbestimmte Zeit in den Innendienst versetzt worden, doch mehr Konsequenzen hatte es nicht gehabt.

Es war eigentlich grausam, wie einfach er mit einem Mord davonkam.

Einem Mord, an den er sich jedoch nicht erinnern konnte.

Er konnte sich nur daran erinnern, wie er Phyllis Dawson durch den Spalt in den Vorhängen hatte tanzen sehen. Er erinnerte sich nur an ihren Tanz. So fließend, so wunderschön. So unbeschreiblich! Und als nächstes hatte er eine Waffe in der Hand gehabt und seine Partnerin hatte neben einer toten Frau gekniet.

Er war nicht er selbst gewesen. Doch er fühlte sich schuldig.

Natürlich, er war es immerhin.

Doch es half ihm, dass er mit Alice Dane darüber sprechen konnte. Sie hatte ihm erklärt, was geschehen war, was Phyllis gewesen war. Ihr gemeinsames Geheimnis hatte sie zusammengeschweißt. Sie waren so etwas wie Kollegen geworden, richtige Partner. Fast Freunde.

Und das war ja auch was.

So musste keiner von ihnen die tristen Stunden ihrer Schicht mehr komplett alleine durchstehen.

Doch zu welchem Preis war diese Freundschaft erkauft?

Einem zu hohen.

Doch das Leben musste weitergehen. Das musste es immer.

Und Schuld und Reue würden sie beide auf ihrem weiteren Weg begleiten, womöglich sogar bis zu dem Tag, an dem sie starben.

Doch so war das Leben.


Nachwort/Anmerkung

Vielleicht ist jemandem das Gebrabbel der Männer bekannt vorgekommen, wenngleich auch in einer anderen Sprache 🙂

Tatsächlich war die Inspiration für diese Kurzgeschichte der Song „Dance Monkey“ von Tones and I. Mir ist irgendwann einmal, als ich mir den Text angeschaut habe, die Bedeutung hinter den Worten, die Implikation von Zwang bewusst geworden, es hatte für mich aber auch etwas „süchtiges“. Und da kam mir die Idee für diese Story.

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