Es war einmal ein blühendes Königreich, das von einem weisen und gütigen König regiert wurde. Den Einwohnern mangelte es an nichts und durch des klugen Königs diplomatisches Geschick herrschte seit Jahrzehnten Frieden.

Eines Tages jedoch verbreitete sich eine erschreckende Nachricht wie ein Lauffeuer; den König hatte eine schwere Krankheit befallen. Nicht viel später ließ dieser zu einer Verlautbarung ins Schloss rufen. Die Menschen kamen von nah und fern, Leib drängte sich an Leib im prachtvollen Hof des Schlosses, die Stimmung war gespannt, als der König auf den Balkon trat. Seine Haltung war aufrecht, doch er wurde von seiner liebreizenden Tochter, der schönen Prinzessin, gestützt. Seine Augen lagen tief in den Höhlen, die Haut hatte eine aschige Farbe. Als er schließlich zu sprechen anhob, war seine Stimme dünn.

»Verehrtes Volk. Es geht mit mir zu Ende, und obgleich ich ein erfülltes Leben hatte, sorge ich mich um die Zukunft unseres wunderbaren Königreichs, denn das Schicksal versagte mir einen Erben. Und so will ich nun einen Wettstreit ausrufen, der zeigen wird, welcher Mann die Qualitäten eines Königs zeigt. Am Rande der großen Berge lebt ein Drache in einer Höhle, eine Bestie der alten Zeit, der über die Jahrhunderte unzählige Schätze hortete. Derjenige Mann, der mir das Wertvollste aus der Höhle des Drachen bringt, soll mein Nachfolger und Gemahl meiner geliebten Tochter werden.« Dies gesprochen, verließen ihn seine Kräfte, er sackte zusammen und musste zurück ins Schloss getragen werden.

Unter den Zuhörern herrschte Aufregung. Ein jeder von ihnen sah sich bereits als König, bis die Bedeutung der Forderung allmählich verstanden wurde.

Niemand näherte sich der Drachenhöhle. Es wurde einem jeden von Kindesbeinen an eingebläut, sich von dieser fernzuhalten, wenn einem das Leben lieb war. Und so zerstreute sich einige Zeit später die Menschenmenge.

Nur wenige wagemutige Recken zogen die folgenden Tage tatsächlich los, unter ihnen drei Freunde, von denen einer stark, einer schön und einer klug war.

An einem Feuer tief im Wald sprachen sie des Nachts darüber, was sie dem König zu bringen gedachten.
»Ein Drache des Altertums wird jede Menge Schätze horten, darunter sicherlich magische Waffen«, verkündete der Starke. »Ich werde eine solche nutzen und den Drachen erschlagen, sodass ich dem König den ganzen Hort zum Geschenk machen kann. Das Königreich wird unvorstellbar reich werden.«

»Du schätzt unseren König falsch ein«, widersprach der Schöne. »Er will, dass sein Nachfolger einzuschätzen vermag, was von dem größten Wert ist. Da nichts dem König teurer ist als seine Tochter, werde ich das schönste Schmuckstück aus dem Hort bergen, das die Schönheit der Prinzessin unterstreichen wird. So gewinne ich ihr Herz.«

»Du bist ein Einfaltspinsel.« Der Starke lachte. Dann wandte er sich an den Klugen. »Und was bringst du aus dem Hort?«

Der Kluge grübelte. »Ich weiß es nicht«, gestand er schließlich.

Seine Freunde lachten über ihn. »Und wir dachten, du seist der Kluge von uns!«

Der Spott hielt über Tage an, bis die Höhle des Drachens unheilvoll vor ihnen erschien. Die Schwärze war bedrohlich und jagte ihnen einen Schauer über den Rücken.

»Ich gehe hinein!«, beschloss der Starke und verschwand in der Dunkelheit.

Die Zeit verging, und er kam nicht wieder.

»Offenbar lässt der Drache sich nicht töten«, meinte der Schöne. »So will ich sehen, ob ich die Bestie zu überlisten vermag.«

Er verschwand in der Dunkelheit.

Die Zeit verging, und er kam nicht wieder.

Nun war der Kluge allein. Er gedachte der Worte, die seine Freunde gesprochen hatten.

»Offenbar lässt der Drache sich auch nicht überlisten«, murmelte er für sich.

Dann fasste er seinen Entschluss, straffte die Schultern und betrat die Dunkelheit der Höhle.

Die Luft war stickig und heiß. Es roch nach Feuer und verbranntem Fleisch. Als sich die Augen des Klugen an das Zwielicht gewöhnt hatten, erstreckte sich vor ihm ein Meer aus Schätzen; Gold, Silber, edle Geschmeide, Pokale und Relikte längst vergangener Zeiten häuften sich, so weit das Auge reichte.
Und dann entdeckte er den Drachen. Ein Ungetüm von Ausmaßen, dass der Marktplatz seines Heimatdorfes es eingeeingt hätte. Mit glitzernden, goldenen Schuppen lag die Echse da, die Flügel gefaltet, den Kopf auf die Pranken gebettet, deren Krallen jeweils lang waren wie des Klugen Körper. Sie schien zu schlafen.

»Halt mich nicht zum Narren!«, erhob der Kluge die Stimme. »Nicht lang vor mir betraten meine Freunde die Höhle und kehrten nicht wieder. Versuche nicht, mir weiszumachen, du würdest schlafen!«

Der Drache öffnete die Augen und etwas wie ein Schmunzeln zeichnete sich auf seinem Maul ab. »So, du willst demnach nicht versuchen, einen schlafenden Drachen zu töten oder zu bestehlen?« Seine Stimme grollte durch die Stille wie der Donner eines nahenden Gewitters und hallte im Inneren des Klugen wider. Alle Haare standen ihm zu Berge.

»Mitnichten, ehrwürdige Bestie«, sprach er dennoch mutig.

»Also, wenn du mich nicht bestehlen willst, was willst du dann?«, fragte der Drache.

Der Kluge dachte an seine Freunde, an ihre Worte und die Worte des Königs.

»Ich erhoffe mir Hilfe. Hilfe und Rat«, verkündete er dann. »Du bist alt und weise, Drache, hast alles gesammelt, was einen Wert hat. Sicherlich auch Wissen vergangener Zeiten. Der König ist erkrankt, und keine Medizin vermag ihm zu helfen. Kennst du ein Mittel?«

Der Drache beäugte den Klugen mit seinen gelben Augen stumm, dann legte er den Kopf schief und sagte: »In diesen Gefilden wächst eine Blume. Suche sie in der Nähe eines fließenden Gewässers. Sie besitzt weiße Blüten und einen roten Blütenkelch.«

»Meinst du Auenkraut? Es ist ein Unkraut, das uns plagt.«

»Was du Plage nennst, ist das wirksamste Heilkraut dieser Lande. Es vermag, jedes Leiden zu heilen«, sagte der Drache. »Vor Hunderten von Jahren wussten alle Menschen dies. Sie sammelten so viel davon, dass die Pflanze nicht rasch genug nachwachsen konnte und verschwand. Ihre Wirkung wurde vergessen, die Menschen pflücken sie nicht mehr, und so konnte sie zurückkehren und sich erneut vermehren. Koche die Blüten, lass den König diesen Sud trinken, und er wird genesen.«

»Hab Dank, ehrwürdiger Drache!« Der Kluge verneigte sich und verließ die Höhle lebend.

Auf dem Weg zurück zum Schloss sammelte er Auenkraut. Der Wächter vor dem Tor jedoch verwehrte ihm dem Einlass. »Ich bin angewiesen, das Tor nur für jene zu öffnen, die einen Schatz aus des Drachen Höhle bringen, keinen Bauerntölpel mit einem Strauß voller Unkraut!«

»Ich bringe einen Schatz«, widersprach der Kluge. »Den Schatz des Wissens.«

»Scher dich fort!«, bellte der Wächter.

»Aber nicht doch«, ertönte eine sanfte Stimme vom Tor. Die Prinzessin war herangekommen. »Wie mein Vater stets sagt: Nicht jeder Schatz besteht aus Gold oder Geschmeiden.« Sie wandte sich an den Klugen. »Was bringst du mir?«

»Der Drache verriet mir, dass ein Tee von Auenkrautblüten den König zu heilen vermag. Es gibt keinen gütigeren, weiseren Mann als den König, der unser Land zu führen vermag. Sein Leben zu retten, ist der größte Dienst, den ich dem Königreich erbringen kann.«

Mit diesen Worten überreichte er der Prinzessin die Blumen und zog von dannen, kehrte zurück nach Hause und betrauerte seine Freunde.

Die Prinzessin jedoch hörte auf seine Worte, ließ einen Tee von Auenkrautblüten kochen, und wie durch ein Wunder ward der König binnen Tagen vollständig genesen.

Sofort ließ er den Klugen an den Hof rufen. »Du hast wahrhaft das Wertvollste aus dem Drachenhort gebracht: verlorenes Wissen, das dem Allgemeinwohl dient. Damit hast du die Weisheit bewiesen, die ich mir von einem Nachfolger wünsche.«

So ward der Kluge mit der Prinzessin vermählt, und als der König nach einem langen Leben schließlich entschlief, regierte der Kluge das Königreich weise.

Und wann immer er nicht weiterwusste, suchte er den Drachen auf und erbat sich Rat, denn er wusste um den wahren Schatz in der Drachenhöhle.

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