Mein Leben war eigentlich immer ziemlich ruhig und normal. Ich wuchs als Einzelkind einer Mittelstandsfamilie in einem Vorort einer deutschen Großstadt auf. Meinen Eltern gehört ein Einfamilienhaus. Ich habe die Schule beendet und studiert. Meine Interessen berufen sich auf den kreativen Bereich, aber auch auf Naturwissenschaften. Ich mag Filme, Musik, fertige Cosplays und interessiere mich dadurch auch für Fotografie und Bildbearbeitung. Gelegentlich treibe ich Sport. Also eigentlich bin ich recht durchschnittlich.
Bis auf eine Ausnahme.
Manchmal habe ich das Gefühl, dass um mich herum vermehrt seltsame Dinge passieren. Gruselige Dinge. Ich bin weder religiös noch glaube ich an Geister, doch hin und wieder stelle ich schon infrage, ob alles mit rechten Dingen zugeht.
In dieser Art Tagebuch möchte ich von einigen seltsamen Ereignissen berichten, die sich so zugetragen haben. Einige davon recht aktuell, andere mitunter schon viele Jahre her.
Anfangs werde ich noch versuchen, auf zeitliche Chronologie zu achten, doch das kann sich später noch ändern, wenn mir im Nachhinein noch etwas einfällt.
Anmerkung: Die Namen aller Beteiligten und erwähnten Personen wurden geändert.
Oktober 2002
Es ist die erste Begebenheit, an die ich mich erinnern kann, und vielleicht sogar die gruseligste. Denn vor allem erinnere ich mich, wie viel Angst ich an diesem Tag hatte.
Es ist bereits viele Jahre her. Es muss in der zweiten Klasse gewesen sein. Nach dem ersten Schuljahr waren unsere Klassen noch einmal gemischt worden, weil aufgrund der Schüleranzahl im Jahrgang aus vier Klassen fünf gemacht worden waren.
In dieser neuen Klasse hatte ich mich mit Anja angefreundet und an diesem Tag war ich zum ersten Mal bei ihr zu Besuch. Damals hatte sie noch in einem Hochhaus gewohnt, ihr Zimmer hatte einen Blick auf ein Feld gehabt, auf dem etwa hüfthoch wildes Gras wuchs. Da es jedoch Herbst war, war das Gras bereits braun geworden.
Wir hatten ein bisschen gespielt. Wir waren beide Pferdefans gewesen und sie hatte Barbie-Pferde gehabt. Ich weiß nicht mehr wieso oder wer von uns beiden zuerst aus dem Fenster schaute, doch ich weiß noch, wie wir beide an selbigem standen, weil wir unten im Feld eine Person entdeckt hatten.
Es sah aus wie ein blasses Kind. An sich wäre es nicht ungewöhnlich gewesen, immerhin hatten in dem Hochhaus nicht wenige Kinder gewohnt, doch dieses Kind da draußen im Feld war allein gewesen. Außerdem hatte es nicht gespielt, sondern nur dort im Gras, das ihm bis zur Brust ging, gestanden und uns angestarrt. Und je länger wir es unsererseits anschauten, desto weniger menschlich schien sein Gesicht zu sein. Ich kann es gar nicht beschreiben, es war einfach gruselig.
Irgendwann wurde es uns zu unheimlich und wir zogen die Vorhänge zu, damit es uns nicht mehr anschauen konnte. Wir versuchten weiterzuspielen, doch so richtig zur Ruhe kamen wir nicht.
Dann plötzlich fiel ein Brettspiel, das ganz oben im Regal gestanden hatte, einfach auf den Boden. Wir erschreckten uns furchtbar. Das hatte sicherlich nichts mit dem Kind draußen zu tun, doch für uns wirkte es in diesem Moment so.
Wir lugten also wieder durch den Spalt in den Vorhängen.
Das Kind war noch da. Stand noch immer an der selben Stelle im Feld. Doch es war nicht mehr allein. Wir zählten noch fünf weitere, ebenso blasse Kinder, die ebenso unbeweglich im Feld standen und uns alle anzustarren schienen.
Wir bekamen gewaltige Angst und zogen uns ins Wohnzimmer zurück, wo wir auf Anjas Mutter warteten, die tatsächlich nicht viel später von einem Termin oder vom Einkaufen nach Hause kam. Wir erzählten ihr von den Kindern im Feld.
Natürlich glaubte sie uns nicht. Wir wollten es ihr zeigen, aber das Feld war leer, keine Kinder waren dort zu sehen. Somit konnten wir ihr auch nicht beweisen, dass wir es uns nicht eingebildet hatten.
Anja und ihre Eltern zogen bald danach um und in ein Reihenhaus. Ich habe dieses Feld nie wieder gesehen. Doch wir Beide erinnerten uns genau daran, was wir gesehen hatten.
August 2004
In meiner pferdeverrückten Phase war ich insgesamt drei Mal allein auf Reitfreizeit gewesen. Eine Gruppe von etwa gleichaltrigen Kindern hatte dabei eine Woche lang auf einem Reiterhof übernachtet, und tagsüber hatte man Reitstunden, hat sich um die Pferde gekümmert oder in kleineren Gruppen Ausritte gemacht.
Zweimal war ich auf dem Akazienhof gewesen und dann später noch einmal auf dem Rosenhof. Dieses Ereignis, von dem ich berichten möchte, ereignete sich bei meinem zweiten Aufenthalt auf dem Akazienhof. Ich war kein kompletter Reitanfänger mehr, also konnte ich auch schon mit auf die Ausritte.
Bei jeder Freizeit gab es auch immer mal einen besonderen Ausritt. Dieses Mal war es ein Ausritt in der Nacht.
Gut, wahrscheinlich war das, was ich als „in der Nacht“ in Erinnerung habe, nicht wirklich mitten in der Nacht, sondern eher kurz nach der Dämmerung, zwischen 19 und 21 Uhr. Doch es war eine sehr coole Erfahrung.
Wir alle hatten Taschenlampen dabei und leuchteten damit begeistert in den dunklen Wald, während unsere Pferde trittsicher ihren Weg fanden, den sie tagsüber sicherlich schon viele Dutzend Mal gegangen waren.
Gruselig wurde es aber, als wir an einem alten Friedhof vorbeiritten. Denn dieser Friedhof war einfach nur verfallen. Die Grabsteine waren alt und einige umgestürzt. Es sah aus, als hätte sich schon viele Jahre lang niemand mehr um diesen Friedhof und die Grabpflege gekümmert. Es wirkte damals auf mich wie ein Ort, an dem man Monster antreffen würde.
Ich war erleichtert, als wir ihn hinter uns gelassen hatten und es wieder zurück zum Gestüt ging.
Ein oder zwei Tage später nahmen wir bei einem Ausritt am Tag den gleichen Weg, der uns wieder an dem Friedhof vorbei führte. Aber am Tag war der Friedhof gar nicht verfallen. Er sah ganz normal aus, wie fast jeder Friedhof. Nichts war überwuchert, die Grabsteine standen alle so gut wie aufrecht.
Aber ich war mir sicher, dass er in der Nacht wirklich heruntergekommen ausgesehen hatte!
Ich fragte mich später, ob es vielleicht ein anderer Friedhof gewesen sein könnte, immerhin hatte ich eine sehr schlechte Ortskenntnis gehabt. Doch eine Recherche hatte ergeben, dass der einzige Friedhof, der in der Nähe des Hofs gelegen war und an dem die Reitwege vorbeiführten, der jüdische Friedhof in Schmitten war.
Also musste es der gleiche Friedhof gewesen sein. Aber wieso hatte er in der Nacht und am Tag so vollkommen unterschiedlich ausgesehen?
Oktober 2005
Dieses Erlebnis ereignete sich auf meiner ersten Orchesterfreizeit im Gymnasium und diente sogar als Inspiration für ein Horrorfilm-Skript, das ich geschrieben habe.
In unserem Gymnasium fuhren der Chor und das Orchester einmal im Schuljahr (im Herbst) für einige Tage auf Probenfreizeit, um für das Weihnachtskonzert zu üben. Ich war damals im Orchester, weil ich Geige gespielt hatte, und war sehr aufgeregt auf die Freizeit.
Die Jugendherberge, zu der wir fuhren, lag mitten im Wald. Hinter dem Haus ging ein Abhang recht steil nach unten bis zu einem Bachlauf in der Talsenke. Es war ein ziemlich cooler Ort, auch weil es bereits Herbst war und die Bäume schon recht kahl waren und der ganze Waldboden von totem Laub bedeckt.
Da es in der Jugendherberge jedoch nicht genügend Schlafräume für alle Schüler gab, mussten die Fünftklässler in zwei der Speisesäle in Matratzenlagern schlafen. Wir waren um die fünfzehn Schüler pro Matratzenlager.
Es störte uns gar nicht, denn das Matratzenlager lag weiter weg von den Lehrerzimmern und den anderen Schülerzimmern, was bedeutete, dass wir relativ ungestört Blödsinn machen konnten. Und der Ausblick aus dem Matratzenlager war genau auf die Senke mit dem Fluss, also alles in allem echt cool.
Noch dazu stand in einer Ecke des Raums ein altes Piano, das furchtbar verstimmt war, und für Elfjährige ein super Spielzeug darstellte. Innerhalb von wenigen Minuten begannen die ersten Schüler auf das Piano zu klettern und von dort auf die Matratzen auf dem Boden zu springen, immer und immer wieder.
Ich weiß nicht mehr, was mich ritt, vielleicht nervte mich, die noch immer von der Busfahrt reisekrank war, dass die hier so ein Affentheater veranstalteten, doch ich dachte mir eine Geschichte aus, dass wer auch immer von diesem Klavier springen würde, den Zorn der Geister des Waldes, eines Mannes ohne Gesicht, erwecken würde, der einen dann holen würde und fortan würde man als weißes Kind durch den Wald wandern und könnte diesem nie wieder entkommen.
Es glaubte natürlich keiner dieser Geschichte und sie hüpften weiterhin fröhlich von dem Piano.
Doch am Abend passierte etwas seltsames. Als wir im Matratzenlager zusammensaßen und darauf warteten, dass das Licht gelöscht wurde, rief Lina, die mit am häufigsten vom Piano gesprungen war, uns zu, dass sie jemanden im Wald sehen würde. Einen Mann. Wir klebten natürlich nur Sekunden später ebenfalls an der Scheibe, doch keiner sonst sah etwas.
Ich ging davon aus, dass Lina sich das ausgedacht hatte, um an meine Story anzuknüpfen.
Doch innerhalb der nächsten zwei Tage behaupteten unabhängig voneinander noch drei weitere Mädchen, dass sie einen Mann ohne Gesicht und auch weiß gekleidete Kinder im Wald gesehen hätten.
Ich fühlte mich geehrt, dass sie alle in meine Story einstiegen, doch ein wenig unwohl war mir auch.
Am vorletzten Tag der Freizeit ging ich mit Lina und Maria in einer Probenpause mal in den Wald spazieren. Wir gingen in die Talsenke und wollten von dort einmal auf der anderen Seite den Hang hoch, um zu schauen, was hinter diesem wäre. Doch auf halbem Weg nach oben, blieben die Beiden auf einmal stehen, weil sie angeblich nicht mehr weiter kämen. Als würde sie irgendetwas fest- und zurückhalten.
Für einen Augenblick glaubte ich, sie würden das spielen, weil sowohl Lina als auch Maria zu denen gehört hatten, die behauptet hatten, sie hätten den Mann im Wald gesehen.
Aber das auf ihren Gesichtern, das war echte Angst gewesen. Sie verstanden nicht, was hier passierte. Arg beunruhigt machten wir uns auf den Weg zurück zur Herberge, den Beide ohne Probleme bewältigten.
Zwei Tage später reisten wir ab.
Ich weiß nicht, ob sie es alles gespielt hatten, ob sie einfach bei meiner Geschichte mitgemacht hatten und verflucht gute Schauspieler gewesen waren, oder ob da echt etwas Seltsames vor sich gegangen war.
Ich habe Maria und Lina Jahre später noch einmal dazu befragt. Ich dachte, nach 5 Jahren würden sie zugeben, wenn sie nur so getan hatten, doch sie behaupteten Beide weiterhin felsenfest, dass sie den Mann und die Kinder gesehen hatten und dort am Hang wirklich nicht weiterkamen.
Und ich habe Angst, dass das nicht gelogen war.
April 2007
Dies dürfte wohl eines der mysteriösesten Dinge sein, die mir je passiert sind. Ich war in der 6. Klasse zu dem Zeitpunkt. In meiner Heimatstadt und drum herum war es üblich, eine Klassenfahrt zu einem bestimmten Camp zu unternehmen, namens Wegscheide. Ich musste zweimal dorthin, einmal in der 4. Klasse mit meiner Grundschule und dann eben noch einmal in der 6..
Die Wegscheide ist eine Art Campingplatz mit festen Bungalows. Jede Klasse, die dorthin fährt, bekommt einen oder zwei Bungalows mit jeweils mehreren großen Schlafsälen, welche bis zu 16 Schüler fassen. Normalerweise ist das Camp gut gefüllt, viele Klassen verbringen dieselben Tage dort, hunderte von Schülern, sodass es eigentlich nicht möglich ist, dass irgendetwas Mysteriöses geschehen könnte, auch wenn das Camp von einem dichten Wald umgeben ist.
Es war der vorletzte Tag, an dem dennoch etwas Unerklärliches geschah. Es gab auf dem Gelände eine kleine Disco, welche an manchen Tagen der Woche geöffnet war. Sie befand sich in einem separaten Gebäude, nicht weit von den Bungalows entfernt. Diese Disco war nach Einbruch der Dunkelheit auf jeden Fall gut gefüllt, da fast alle Schüler dorthin gingen. Viel anderes war ja am späteren Abend nicht zu tun.
An diesem speziellen Tag hatte ich irgendwann die Disco verlassen. Es war noch nicht wahnsinnig spät, aber es war schon dunkel und das seit bestimmt zwei Stunden. Ich stand also für einen Moment vor dem Disco-Gebäude und beschloss, zurück zu unserem Klassenbungalow zu gehen, als ich auf einmal eines der Mädchen aus meiner Klasse – und aus meinem Schlafsaal – sah, das in den Wald ging, der das Camp umgab.
Ihr Name war Emma, ich kannte sie ganz gut. Natürlich war es nicht verboten, in den Wald zu gehen, da man sowieso nicht sonderlich weit kommen würde, weil die Wegscheide von einem Zaun komplett umgeben war, um zu verhindern, dass Kinder verloren gingen. Doch uns war auch gesagt worden, dass wir nicht alleine und vor allem nicht im Dunkeln dort hinein gehen sollen, da Wildschweine zu dieser Jahreszeit aggressiv werden könnten, wenn man sie und ihre Jungen bedroht. Auch sollte man nur in Begleitung unterwegs sein, da man sich verletzten könnte und dann jemanden dabei hätte, der Hilfe holen könnte – ihr kennt die Regel vielleicht von eigenen Klassenfahrten oder Ausflügen.
Aber Emma war offensichtlich allein. Ich dachte darüber nach, nach ihr zu rufen oder ihr sogar nachzulaufen, um sicherzustellen, dass sie nicht alleine war. Ich war schon drauf und dran loszurennen, um sie einzuholen, als ich sah, dass ein anderes Mädchen aus meiner Klasse ihr bereits hinterherlief, ihr in den Wald folgte. Ihr Name war Kathrin – mit „th“, wie sie immer betonte.
Also dachte ich, dass sie bestimmt zurechtkommen würden und ging zu meinem Bungalow zurück.
Ich muss an dieser Stelle betonen, dass ich den direkten Weg nahm und recht schnell lief, da es empfindlich kühl geworden war. Es gab absolut keine Chance, dass irgendjemand, der die Disco nach mir verlassen hatte, den Bungalow vor mir erreicht hätte.
Doch als ich schließlich ankam und meinen Schlafsaal betrat, war Emma bereits dort. Und es sah so aus, als wäre sie schon eine ganze Weile wieder da.
Ich war überrascht und fragte sie, wie sie es geschafft hatte, vor mir hier anzukommen und wieso sie in den Wald gegangen war.
Sie sagte mir, dass sie an dem Abend überhaupt nicht im Wald gewesen war.
Ich sagte ihr, dass ich sie gesehen hatte. Und es war ohne jeden Zweifel sie gewesen!
Aber auch die anderen Mädchen, die schon länger im Bungalow gewesen waren, bestätigten, dass Emma die letzte Stunde den Schlafsaal nicht verlassen hatte.
Und so begann ich mir Sorgen um Kathrin zu machen, da sie schließlich auch in den Wald gelaufen war, Emma hinterher, welche aber offensichtlich nie dort gewesen war.
Hieß das also, dass Kathrin jetzt alleine durch den Wald wanderte?
Ich erzählte den anderen davon und wir begannen nach Kathrin zu suchen. Sie war weder im Bungalow, noch in der Disco. Langsam bekamen wir Angst um sie.
Was, wenn ihr etwas passiert war?
Wir hatten uns gerade entschlossen, unseren Lehrern Bescheid zu sagen, als Kathrin auf einmal den Schlafsaal betrat. Sie wirkte angepisst. Sofort erkundigten wir uns, was los war.
Sie jedoch ging zu Emma und fragte diese, ob sie glauben würde, dass das lustig wäre.
Auf Nachfrage erzählte Kathrin uns, dass sie auch gesehen hatte, wie Emma in den Wald gegangen war und beschlossen hatte, ihr zu folgen, damit sie keinen Ärger bekommen würde. Sie sagte, dass Emma genau auf die Grenze des Camps zugegangen wäre, sich nicht einmal umgedreht hätte, nicht reagiert hätte, als Kathrin nach ihr gerufen hatte. Und dann wäre sie plötzlich verschwunden gewesen.
Kathrin hatte noch einige Zeit alleine im Wald verbracht, nach ihr gesucht, für den Fall, dass sie sie einfach nur aus den Augen verloren hatte, aber sie war verschwunden gewesen. Also war Kathrin zum Bungalow zurückgekehrt, um zu schauen, ob Emma dort war.
Aber Emma bestand noch immer darauf, dass sie nicht im Wald gewesen war, was auch sieben Mädchen bezeugen konnten.
Und doch hatten sowohl Kathrin als auch ich sie dort gesehen.
Bis heute wissen wir nicht, was in dieser Nacht passiert war. Hatten wir einen Geist gesehen? Oder war es wirklich Emma gewesen und das Ganze ein Streich unserer Mitschülerinnen?
Ich glaube, ich werde es nie erfahren, doch die Erinnerung jagt mir noch immer kalte Schauer über den Rücken.
Mai 2012
Meine Eltern waren über das Wochenende verreist und ich hatte eine meiner besten Freundinnen, Justine, eingeladen, um bei mir zu übernachten, damit ich nicht so alleine wäre.
Wir hatten beschlossen, einen BBC-Sherlock-Marathon zu machen und hatten alles dafür da, was man brauchen könnte: Nudelsalat, Chips, Dips, Tee und Softdrinks. Wir hatten gerade „Die Hunde von Baskerville“ fertig geschaut, es war bereits dunkel, als wir auf einmal an der Wand des Wohnzimmers ein Kratzen hörten.
Das Haus meiner Eltern ist aus Holz, also hörte man ziemlich laut, wenn der Strauch vor dem Haus mit den Zweigen an der Wand kratzte. Nur dass das Kratzen nicht von dem Strauch – also von vor dem Haus – kam, sondern von der anderen Seite, von der Terrasse.
Wir lauschten Beide, ob es noch einmal kratzen würde, doch nichts. Es blieb still. Und doch war es uns ein bisschen unheimlich.
Wir fragten uns, was dieses Kratzen verursacht haben könnte. Dass es eine der mistigen Katzen der Siedlung, die immer im Garten in die Beete kackten, gewesen sein könnte, die beschlossen hatte, ihre Krallen am Putz zu wetzen, konnte nicht sein, weil das Kratzen von viel weiter oben gekommen war. Aber wir hatten keinen Baum oder Strauch auf der Terrasse gehabt.
Ich beschloss also einmal nachschauen zu gehen, wie es die Leute im Horrorfilm auch immer taten; Man hörte ein komisches Geräusch und einer aus der Gruppe ging nachsehen und war der Erste, der dem Killer oder Monster zum Opfer fiel.
Doch da wir nicht in einem Horrorfilm waren und ich nicht an Monster glaubte, ging ich dennoch. Ich hatte nämlich schon eine Idee, was das Kratzen gewesen sein könnte. An die Hauswand gelehnt stand nämlich immer ein Besen, der zum Fegen der Terrasse verwendet wurde. Bei einem stärkeren Windstoß neigte er dazu, des Öfteren mal umzufallen.
Normalerweise machte er dabei nicht so einen Krach, aber etwas anderes konnte kaum sein.
Also öffnete ich die Tür und ging über den schmalen Weg am Haus vorbei zur Terrasse, während Justine an der Tür wartete.
Doch die Terrasse war komplett unverändert. Der Besen stand noch an der Wand, und ich sah absolut nichts, was erklären würde, woher dieses Kratzen kam.
Schnell ging ich wieder zurück zu Justine und wir verschlossen die Tür.
Wenn man sich etwas nämlich gar nicht erklären konnte, wurde es echt gruselig.
Wir setzten unseren Marathon fort. Während restlichen vier Folgen hörten wir dieses Kratzen noch zwei weitere Male, jedes Mal an der gleichen Stelle.
Wir können uns bis heute nicht erklären, was es gewesen sein könnte.
Dienstag, 06.09.2016
Es war auf meiner Australien-Rundreise. Ich nahm an einer geführten Reise über den ganzen Kontinent mit einer Reisegruppe teil. Zwischendrin wechselte diese. Ich mochte jedoch beide meiner Reisegruppen.
Wir waren auf einem Campingplatz nahe Noosa River. Eines der Häuser mit Badezimmern war nicht so stark frequentiert, da es dort nur Toiletten – keine Duschen – und kein heißes Wasser gab. Aber am frühen Morgen ging ich dorthin.
Ich nutzte die Toilettenkabine genau neben dem Eingang. Zu dem Zeitpunkt war ich mir nicht bewusst, dass ich so den Schatten von jedem sehen konnte, der das Badezimmer betrat oder verließ, solange ich in der Kabine war. Ich merkte es erst, als ich auf der Toilette sitzend hörte, wie Anna, die kurz vor mir auf Klo gegangen war, ihre Hände wusch und dann das Badezimmer verließ.
Dann sah ich einen anderen Schatten, der zu einer Person gehörte, die das Badezimmer betrat und in die Kabine neben meiner ging. Das war nur Augenblicke, bevor ich die Toilettenkabine verließ. Ich ging zum Waschbecken, um mir die Hände zu waschen, als ich bemerkte, dass die Tür der Kabine neben der Meinen offen stand, genauso wie alle anderen der ungenutzten Kabinen, und ich die einzige Person im Badezimmer war.
Aber wen hatte ich dann hereinkommen sehen?
Donnerstag, 15.09.2016
Dieses Erlebnis ist sehr kurz, doch ich bekomme immer Gänsehaut, wenn ich daran zurückdenke.
Es ereignete sich ebenfalls in Australien uns ist der letzten Begebenheit recht ähnlich. Das Seltsame geschah, als wir in Coober Pedy übernachteten, der Opalhauptstadt der Welt. Wir hatten unser Quartier in einem Haus unter der Erde. Alle Häuser in Coober Pedy sind unterirdisch gebaut. Um ins Badezimmer zu kommen, mussten wir das Haus immer verlassen und ein paar Meter über die Veranda gehen.
Am Abend hatte ich eine sehr lange Unterhaltung mit den beiden Mädchen geführt, die sich mit mir ein Schlafzimmer teilten, also ging ich recht spät ins Bad. Es war dunkel draußen und die meisten der Anderen schliefen schon. Aber ich wollte noch meine Zähne putzen.
Als ich das Badezimmer der Mädchen betrat, sah ich, dass eine der Toilettenkabinen abgeschlossen war. Ich fragte mich kurz, wer außer mir so spät noch auf den Beinen war. Ich schloss die Eingangstür, um zu verhindern, dass irgendwelche Käfer oder andere Insekten von draußen herein kamen, es war immerhin Australien, und obwohl ich bisher noch keine Riesenspinnen oder Schlangen gesehen hatte, wollte ich nicht davon ausgehen, dass es so bleiben würde.
Ich wartete auf die Person auf dem Klo, während ich meine Zähne putzte, dass diese es verließ und wir vielleicht zusammen zurückgehen konnten. Ich putzte eigentlich immer ziemlich lange, doch die ganze Zeit über hörte ich kein Geräusch aus der verschlossenen Kabine. Nicht ein einziges.
Nachdem ich fertig geputzt hatte, verschwand ich noch kurz in der anderen Kabine, um mich auch noch schnell zu erleichtern. Während ich in meiner Kabine war, hörte ich noch immer nichts aus der anderen. Die Kabine blieb auch verschlossen, während ich meine Hände wusch und das Badezimmer verließ.
Ich hatte noch keine zehn Schritte getan, als mir auffiel, dass ich vor lauter Grübeln doch tatsächlich meine Waschtasche im Bad vergessen hatte. Also ging ich wieder zurück und erstarrte.
Die Tür der anderen Kabine, die bis vor ein paar Sekunden noch verschlossen gewesen war, stand nun offen.
Aber ich hatte weder gehört, wie sie geöffnet worden war, noch bestand nur die geringste Chance, dass jemand unbemerkt von mir das Badezimmer verlassen hatte. Er oder sie hätte ja dann auch auf der Veranda sein müssen. Die anderen Kabinen waren auch alle verwaist.
Ich bin mir zu 100 Prozent sicher, dass niemand in dieser Kabine gewesen sein konnte, dass niemand mit mir in diesem Badezimmer hatte sein können. Dass niemand es verlassen hatte.
Also frage ich mich bis heute: Wer hatte diese verdammte Toilettenkabine verschlossen und wieder geöffnet?
Donnerstag, 15.06.2017
Diese Geschichte ist etwas kürzer. Mein Vater fuhr jedes Jahr, meist an Fronleichnam, zu einem Treffen mit seinen Studienfreunden. Das bedeutete, dass ich an diesen Wochenenden mit meiner Mutter allein zuhause war. Meistens machten wir an dem Wochenende einen Serienmarathon, schauten ein paar Staffeln einer guten Serie durch.
In diesem Jahr, an diesem Wochenende, war die Wahl auf die fünfte und die kurz zuvor erschienene sechste Staffel von „Game of Thrones“ gefallen. Die fünfte Staffel schauten wir noch einmal, um uns auf den aktuellen Stand zu bringen, immerhin hatte man auf die sechste Staffel ja warten müssen.
Wir hatten uns mit Snacks und Getränken ausgerüstet und meine Mutter hatte es sich auf der Couch bequem gemacht, während ich auf einem der Sessel saß.
Wir schauten ein oder zwei Folgen, dann war die Wasserflasche leer. Ich stand also auf, um eine neue aus dem Kühlschrank zu holen.
Von der Küche ging die Tür zur Kellertreppe ab.
Als ich die Küche betrat, stockte ich. Die Tür zum Keller stand offen. Das war ungewöhnlich, weil ich zuvor die letzte Person in der Küche gewesen war, und ich achtete immer darauf, dass die Kellertür geschlossen war. Die dunkle Kellertreppe, an deren unteren Ende man nichts sehen konnte außer Dunkelheit, machte mir seit ich ein kleines Kind war, Angst. Mittlerweile war davon nur ein mulmiges Gefühl übrig geblieben, aber ich achtete immer noch darauf, dass diese Tür immer geschlossen war, wenn man nicht gerade nach unten musste.
Aber jetzt war sie offen.
Kurz überlegte ich, ob meine Mutter in den Keller gegangen war. Doch sie war noch immer im Wohnzimmer, lag auf der Couch. Und mein Vater war beim Studientreffen. Und sonst war keiner im Haus.
Ich hatte sie definitiv zu gemacht.
Wieso also war diese Tür offen?
Ich schloss sie wieder und merkte, dass ich dabei etwas Gewalt anwenden musste. Da die Tür von meinem Vater aus unbehandeltem Holz selbst gebaut war, neigte sie dazu, sich von Feuchtigkeit und Temperatur über das Jahr immer wieder etwas zu verziehen, sodass sie manchmal kaum richtig schloss und manchmal zu groß für den Rahmen schien und sich verkeilte.
Dass sie sich jetzt verkeilte, bedeutete aber, dass sie nicht durch Zufall, durch einen Windstoß oder irgendetwas in der Art, hätte aufgehen können.
Es musste sie jemand geöffnet haben.
Und es waren weder meine Mutter noch ich gewesen…
Samstag, 06.04.2019
Ich saß seit ein paar Stunden vor meinem Gaming-Notebook. Ich hatte eine Weile House Flipper – das ist ein Renovierungssimulator – gespielt, da mich das immer entspannte. Ich hatte ein bisschen Husten, woher der kam, kann ich nicht sagen.
Ich schloss das Spiel und wollte noch ein bisschen im Internet surfen, als mir auf einmal etwas Seltsames auffiel. Ein seltsam gleichmäßiges Pochen in meinen Ohren. Es klang wie ein Herzschlag.
Also genau wie ein Herzschlag.
Doch es war nicht der meine. Er kam irgendwie aus den Kopfhörern, die ich noch immer trug. Es war seltsam, da eigentlich keine Audiodateien im Hintergrund liefen.
Ich schloss sämtliche Browserfenster. Doch das Pochen blieb.
Ich fuhr mein Notebook herunter. Doch das Pochen blieb.
Ich zog das Headset aus der Buchse, sodass es jetzt definitiv nicht mehr angeschlossen war. Doch das Pochen blieb.
Ich fragte mich, ob es vielleicht doch nur in meinem Kopf oder in meinen Ohren war, ob es wirklich mein eigener Herzschlag war, welchen ich hörte. Ich zog die Kopfhörer vom Ohr – und ich hörte das Pochen nicht mehr. Ich bedeckte meine Ohren mit den Händen, so wie es vorher das Headset getan hatte, genauso eng. Doch kein Pochen.
Ich setzte das Headset wieder auf. Und da war das Pochen wieder. Ganz gleichmäßig.
Bumm-bumm, bumm-bumm, bumm-bumm…
Ich hörte eine Weile zu und merkte, dass sich mein eigener Herzschlag mit dem, den ich hörte, synchronisierte.
Und dann, ganz plötzlich, war der Herzschlag in meinen Ohren weg. Er hörte einfach auf, hatte nicht einmal seinen Rhythmus beendet. Der zweite Schlag fehlte.
Doch anstatt, dass es mich beruhigte, dass ich nichts mehr hörte, fühlte ich mich auf einmal sehr unwohl. Irgendwie hatte ich ein schlechtes Gefühl dabei, dass der Herzschlag aufgehört hatte. Es fühlte sich an als würde etwas fehlen… Es war ein ganz seltsames Gefühl.
Seither habe ich dieses Pochen nie wieder gehört, und ich habe keine Ahnung, was es gewesen sein könnte, und was es ausgelöst haben könnte. War es eine Fehlfunktion an einem ausgeschalteten Headset? War das möglich?
Oder war es etwas anderes?
Dienstag, 30.04.2019
Meine Eltern waren ein paar Tage zuvor in den Urlaub gefahren, sodass ich zwei Wochen allein zuhause war. Sie hatten mich gebeten, die Neuanpflanzungen in vier Blumentöpfen im Garten und vor dem Haus zu gießen, wenn es an einem Tag nicht regnen sollte.
An besagtem Tag hatte ich Idiot es aber verpennt gehabt und es fiel mir erst wieder ein, als es schon fast dunkel draußen war. Also zog ich mich schnell an und füllte die Gießkanne, die vor der Tür zum Garten stand, in der Badewanne mit Wasser. Ich zog die Schlappen an und schloss die Terrassentür auf. Ich goss die drei Blumentöpfe neben der Terrasse und beschloss, den schmalen Weg neben unserem Haus einfach bis zur Eingangstür zu gehen und dort den letzten Topf zu gießen. Der Weg führt am Wohnzimmer vorbei, sodass man, wenn die Rollläden noch nicht runtergelassen waren, einen Blick in selbiges werfen kann. Und als ich dies im Vorbeigehen beiläufig tat, blieb mir fast das Herz stehen.
Denn ich sah eine Silhouette – vielleicht die eines Mannes – die gerade durch die Tür des Wohnzimmers in den Flur ging und aus meinem Sichtfeld verschwand.
Da war jemand im Haus!
Aber das war unmöglich. Ich war bis gerade noch da drin gewesen und war alleine gewesen.
Oder etwa nicht?
Für einen Moment überlegte ich, zu unseren Nachbarn zu laufen und bei ihnen zu klingeln, ihnen mitzuteilen, dass ich jemanden im Haus gesehen hatte.
Ich hätte es tun sollen.
Doch ich redete mir ein, dass es unmöglich war, dass jemand im Haus sein konnte. Wie hätte er dort hineinkommen sollen? Er hätte in den wenigen Sekunden, die vergangen waren, seit ich die Terrasse verlassen hatte, durch die Terrassentür ins Innere des Hauses gelangen, dieses gänzlich durchqueren, im Wohnzimmer sein und dieses wieder verlassen müssen, dass ich ihn so hätte sehen können.
Und das konnte niemand schaffen. Kein Mensch.
Ich hatte mir das bestimmt nur eingebildet, es war ein einfacher Schatten gewesen.
Also ging ich nicht zu unseren Nachbarn, sondern goss einfach den letzten Blumentopf und kehrte über die Terrasse zurück ins Haus.
Noch heute kann ich nicht fassen, wie unheimlich dämlich das gewesen war.
Und das hatte ich damals auch gewusst, da ich ansonsten sicher kein großes, scharfes Messer aus der Besteckschublade genommen hätte und bei mir gehabt, während ich langsam durch das ganze Haus ging, jedes Zimmer betrat und untersuchte, sogar den Keller.
Ich hatte Glück, ich fand niemanden. Ich war allein im Haus.
Sowie ich dies sichergestellt hatte, verschloss ich alle Türen nach draußen und ließ die Rollläden runter. Doch richtig sicher fühlte ich mich danach immer noch nicht, denn ein Gedanke ließ mich nicht los und jagt mir heute immer noch einen Schauer über den Rücken.
Es stimmte, kein Eindringling hätte in der Zeit, die ich draußen Blumen gießen gewesen war, unbemerkt durch die Terrassentür eindringen können und bis ins Wohnzimmer gelangen. Die Eingangstür und alle Fenster waren zuvor und auch danach geschlossen und heil gewesen.
Und das konnte nur eins bedeuten: Wenn ich es mir nicht eingebildet hatte, wenn ich an dem Abend wirklich irgendjemanden im Wohnzimmer gesehen hatte, dann war dieser jemand schon im Haus gewesen, bevor ich es zum Gießen verlassen hatte.
Ich hoffe noch immer, dass ich es mir nur eingebildet hatte.
Freitag, 03.05.2019
Ich weiß, es klingt sehr klischeehaft, was jetzt kommt, aber es ist dennoch genau so passiert. Es begann alles mit einem Straßenmarkt bei uns in der Stadt, dem holländischen Stoffmarkt, wo man an vielen verschiedenen Ständen die unterschiedlichsten Stoffe zum Schneidern erwerben konnte.
Für Cosplayer wie mich und meine beste Freundin natürlich ein Ort, an dem man unbedingt sein musste, an dem man herumstöbern musste.
Natürlich gab es neben Stoffen auch alles andere, was man zum Nähen beziehungsweise Schneidern brauchte.
Auch Schneiderpuppen.
An einem Stand entdeckten wir ein Sonderangebot, wo die Puppen für nur 25 Euro angeboten wurden. Da meine Freundin und ich beide keine besaßen, beschlossen wir kurzerhand, dort jeweils eine zu erwerben. Es sah auf jeden Fall lustig aus, wie wir mit unseren neu erworbenen Schneiderpuppen, welche nicht die allerschönsten waren, jedoch ihren Zweck erfüllen würden, im öffentlichen Personennahverkehr nach Hause fuhren. Die Schneiderpuppe landete in einer Ecke meines Zimmers und bekam über die Monate einen Rock, eine Jacke, eine gruselige venizianische Maske und einen Hut mit Hasenohren aufgesetzt – eben alles, was ich mal irgendwo lagern musste und keinen anderen Ort für hatte.
Dass ich sie erworben hatte, musste mittlerweile ein Jahr her sein. In all der Zeit hatte sie in der Ecke gestanden, einer Ecke, die ich, wenn ich in meinem Bett lag, direkt sehen konnte. Ich hatte nie Angst, es war schließlich nur eine Schneiderpuppe, komplett harmlos eigentlich.
Aber an diesem Tag kam ich nach dem Baden wieder in mein Zimmer. Ich legte mich bäuchlings auf mein Bett und schrieb mit meinem Freund. Nach einer Weile taten mir die Ellenbogen vom Aufstützen weh und der Nacken vom vielen nach unten schauen, also beschloss ich, die Position zu wechseln und mich auf den Rücken zu legen. Als ich mich jedoch auf den Rücken drehte, konnte ich sehen, was vorher hinter selbigem gewesen war.
Und ich erschreckte mich so sehr, dass ich tatsächlich mein Handy quer durchs Zimmer schmiss. Mein Herz raste und ich atmete wirklich keuchend, wie nach einem Sprint.
Denn die Schneiderpuppe stand nicht mehr in der Ecke.
Sie stand zweieinhalb Meter von ihrer ursprünglichen Position entfernt direkt am Fußende meines Bettes.
Nachdem ich den ersten Schock verkraftet hatte, mich wieder beruhigt und die Puppe zurück an ihren Platz gestellt hatte, dachte ich zunächst, dass vielleicht einer meiner Eltern in mein Zimmer gekommen war und die Puppe verrückt hatte, um an den Schrank, dessen eine Tür sie blockierte, zu kommen – warum auch immer sie das tun sollten. Aber dann erinnerte ich mich, dass ich ja nach dem Baden mein Zimmer betreten hatte und mich vom Fußende aus auf mein Bett geschmissen hatte. Somit hatte zu dem Zeitpunkt die Schneiderpuppe dort noch nicht stehen können.
Mir lief ein Schauer über den Rücken.
Hatte sie sich tatsächlich von alleine bewegt?
Ich weiß es wirklich nicht, aber zumindest hat sie es seither nicht wieder getan und tut nichts, was eine ordinäre Schneiderpuppe nicht auch machen würde. Ein bisschen unwohl ist mir dennoch manchmal, wenn ich sie ansehe.
Freitag, 14.06.2019
In meinem studentischen Nebenjob gehörte es mit zu meinen Aufgaben, die Visitenkarten, die mein Chef von Geschäftsreisen, Messen oder anderen Zusammenkünften mitbrachte und die die Kontaktdaten seiner (potenziellen) Geschäftspartner enthielten, einzuscannen und abzulegen.
Zum Einscannen hatten wir im Büro ein kleines Gerät, in das die Karten geschoben wurden und welches diese scannte. Die Scans wurden in der dazugehörigen Software abgespeichert und gleichzeitig die Daten automatisch ausgelesen.
Da es sich aber um Technik handelte und die Leute ihre Visitenkarten nicht alle gleich gestalten, musste ich immer noch zusätzlich prüfen, ob die Informationen richtig ausgelesen worden waren.
Und das wurden sie eher selten. Ein „ä“ wurde zum „a“, eine Telefonnummer wurde in der Mitte getrennt und als zwei verschiedene interpretiert… und von den ausländischen Adressen will ich gar nicht anfangen.
Es gehörte nicht zu meinen Lieblingsaufgaben, aber es musste gemacht werden. Besonders wenig mochte ich es, wenn mein Chef von einer Geschäftsreise zurückkam und einen Stapel von 50 oder mehr Visitenkarten mitbrachte. So wie an diesem Tag.
Es nervte mich, da ich es gerade geschafft hatte, alles, was liegengeblieben war, aufzuarbeiten und seit Monaten endlich mal wieder keine ungeprüften Karten im System hatte. Und jetzt nach dem Scannen waren es wieder über 50, die ich alle überprüfen musste… Die unendliche Geschichte.
Ich überprüfte also Karte um Karte, glich den Scan mit der entsprechenden Karte in meiner Hand ab. Das tat ich eine ganze Zeit, bis ich zu einer Karte kam, wo außer dem Namen gar nichts richtig ausgelesen worden war.
Toll, wieder so eine „Spezialkarte“, wo der Ersteller eine kaum lesbare Schriftfarbe oder eine besonders schöne Schriftart gewählt und damit die Software überfordert hatte.
Mit einem leisen Seufzen, weil ich auf solche Karten echt überhaupt keinen Bock hatte, wo man alles manuell eintragen musste, durchforstete ich den Stapel der noch nicht überprüften Visitenkarten nach dieser, um die Informationen abzulesen.
Doch ich fand sie nicht.
Vielleicht hatte sie mit einer anderen Karte zusammengeklebt und war schon bei den überprüften Karten. Ich durchsuchte auch diese, doch die Karte war nicht darunter. Seltsam.
Ich rollte mit dem Drehstuhl zurück und schaute, ob die Karte vielleicht runtergefallen war und unter dem Tisch lag oder sonst irgendwo auf dem Boden. Doch da lag nichts. Auch auf dem Tisch und bei weiterer Durchforstung der Visitenkarten fand ich sie nicht.
Aber ich musste sie doch heute gescannt haben. Wieso war sie nun weg?
Das war doch komisch.
Adam Walton.
Klang englisch. Und mein Chef war in Amerika gewesen. Passte also. Ich rief ihn zu mir und fragte ihn, ob er sich an diesen Adam Walton erinnerte. Er hatte ein gutes Namensgedächtnis und kannte seine Geschäftskontakte. Doch dieser Name sagte auch ihm gar nichts. Er hatte auf seiner Reise nicht mit einem Adam Walton gesprochen.
Ich löschte den Eintrag aus dem System, doch bis heute frage ich mich, was da passiert war.
War es ein Fehler in der Software gewesen, dass irgendein Text von einer anderen Visitenkarten ausgelesen und als neue Karte abgelegt worden war? Oder hatte es diese Visitenkarte gegeben und sie war auf mysteriöse Weise verschwunden?
Ich hatte im Internet gesucht, aber die einzigen Adam Waltons, die ich gefunden hatte, waren ein australischer Tennisspieler und ein walisischer Musiker gewesen. Ich hatte auch nie einen Adam Walton getroffen. Zumindest bis heute nicht.
Freitag, 25.10.2019
Das Haus meiner Eltern war ganz aus Holz, was dazu führte, dass wir ein sehr gutes Raumklima hatten. Und mit einem guten Raumklima blieb eines nicht aus: Spinnen.
In unserem Keller lebten viele Spinnen, vor allem Hauswinkelspinnen. Und sie gediehen prächtig. Viele davon waren mit Beinen etwas mehr als handtellergroß.
Der Herbst war für mich als arachnophobe Person eine besonders unangenehme Zeit.
Da die Hauswinkelspinnen Einzelgänger und sehr territorial sind, vertrieben die älteren Spinnen die junge Brut im Herbst immer aus dem Keller, wenn sich alle einen Platz zum Überwintern suchten. Und so hatten wir im Herbst alle zwei bis drei Tage so eine junge Hauswinkelspinne in der Wohnung.
Die jungen Spinnen gingen ja sogar noch, diese waren noch nicht so groß. Man konnte sie in einem großen Glas einfangen und einfach nach draußen bringen.
Nun, für mich war es nie einfach, sondern jedes Mal eine Tortur, und nachdem ich die Spinne draußen hatte, musste ich mir erstmal dreimal die Hände waschen.
Doch manchmal kam auch eine der älteren, großen Spinnen hoch, die tatsächlich nur mit einer Tupperbox eingefangen werden konnten. Ich übertreibe nicht. Sie waren so groß, dass sie nicht unter ein herkömmliches Glas passten.
An diese habe ich mich auch nie ran getraut.
Aber das Schlimmste an diesen Viechern war: Man hörte sie laufen!
Ernsthaft.
Man saß vor dem Fernseher, ahnte nichts schlimmes, und auf einmal hört man ein Trappeln auf dem Holzfußboden. Und das sehr deutlich. Und dann schaut man auf, und da rennt da so eine große Hauswinkelspinne lang.
Furchtbar.
Ich erzähle das, weil ich an dem einen Abend wieder allein zuhause war. Meine Eltern waren noch beim Tanzen. Ich saß vor dem Fernseher, und hörte auf einmal wieder dieses Trappeln auf Holz.
Sofort war ich alarmiert.
Ich war allein zuhause, und obwohl ich bereits 25 war, ich hatte noch immer eine teuflische Angst vor diesen großen Hauswinkelspinnen. Allein die Vorstellung, dass eine davon über meine Hand oder meinen Arm krabbeln könnte, war unerträglich.
Also war ich sofort in Hab-Acht-Stellung, die Füße auf dem Sessel in Sicherheit gebracht, und hielt nach der Spinne Ausschau. Der Vorteil an diesen großen Hauswinkelspinnen war immerhin, dass man sie nicht nur hörte, sondern sehr schnell auch sah.
Ich hörte weiterhin das Trappeln, doch ich sah nichts. Keine Spinne im ganzen Raum.
Doch ich musste dieses Vieh finden, ich würde nicht schlafen können mit dem Wissen, dass so eine Spinne durch das Haus lief. Also stand ich auf, bewaffnete mich mit einem Hausschlappen von meinem Vater und machte mich auf die Suche.
Mein Freund mochte es nicht, wenn ich eine Spinne tötete, es waren immerhin auch Lebewesen, doch ich hatte Angst. Würde ich diese Hausspinne finden und wäre sie so groß, dass sie nicht in ein Glas passte, ich würde diesen Hausschuh werfen.
Doch ich fand die Spinne nicht. In jedem Raum, in den ich kam, hörte ich das Getrappel, aber keine Spinne, zu der es gehörte.
Ich verbrachte über eine Stunde auf der Jagd ohne etwas zu finden.
Dann ganz plötzlich hörte das Trappeln auf.
Ich suchte noch weiter, doch ich fand nichts. Als meine Eltern wiederkamen, hielten auch sie die Augen offen, doch keiner entdeckte eine Spinne, bis wir ins Bett gingen.
In dieser Nacht stopfte ich tatsächlich ein Handtuch in die Ritze unter meiner Schlafzimmertür, und hoffte, dass die Spinne auf der anderen Seite war und bleiben würde.
Doch wohl fühlte ich mich nicht. Ich hatte das Trappeln doch gehört.
Aber in jedem Raum? Und das immer so deutlich? Und von der Spinne keine Spur?
Was, wenn es etwas anderes gewesen war?
Dienstag, 09.05.2023
An diesem Tag war in der Firma, für die ich seit einem Monat arbeitete, Betriebsversammlung. Diese fand online statt, per Videoübertragung. Da ich mich bei solchen Terminen, wo man nur zuhören musste, ganz gern ein bisschen bewegte, fuhr ich meinen Schreibtisch hoch, sodass ich stehen konnte und ein bisschen von einem Bein aufs andere treten, ein paar Kniebeugen machen, während die Betriebsrätin begann vorzutragen.
Es war tatsächlich ziemlich interessant, sodass ich sogar vergaß, dass ich eigentlich Kniebeugen machen wollte. Als der Vorstand die Personalzahlen vortrug, trat ich wieder ein bisschen von einem Bein auf das andere, bis ich etwas unter meiner Schuhsohle auf dem Boden spürte.
Einen Widerstand, rund, ganz so als würde ich auf einer Murmel oder einem Stein mit etwa zwei bis drei Zentimeter Durchmesser stehen. Verwundert nahm ich den Fuß hoch und sah nach unten, wollte wissen, was mir runtergefallen war.
Doch da auf dem Teppich war nichts. Ich setzte den Fuß wieder ab, ein Stück von der Stelle, an der er zuvor gestanden hatte, entfernt – und spürte wieder diesen Widerstand. Wieder hob ich den Fuß, doch da war nichts auf dem Teppich zu sehen. Als ich wieder auf die gleiche Stelle trat, fühlte ich nichts unter meiner Sohle.
Verwirrt ging ich auf die Knie, wollte dem Boden näher sein, um den leicht gemusterten Teppich genauer unter die Lupe nehmen zu können.
Doch in einem Umkreis von einem Meter um die Stelle sah ich gar nichts auf dem Boden liegen. Ich fuhr mit der Hand über den Boden, machte weite Bewegungen, so weit, wie ich mit kabelgebundenem Headset auf dem Kopf konnte, und ganz plötzlich streiften meine Finger etwas. Es war kühl und halbrund, doch als ich hinsah, sah ich nichts. Einen Augenblick später bewegte es sich von meinen Fingern weg, als krabbelte es über den Boden. Ich fand es nicht wieder, es war außerhalb meiner Reichweite. Ich richtete mich wieder auf und folgte der Betriebsversammlung wieder mit voller Konzentration.
Und doch frage ich mich, was das war. War es wirklich eine Art Käfer? Einer,der auf dem Teppich perfekt getarnt war? Aber so groß? Gab es das überhaupt? Wie konnte er so stabil sein, dass ich zweimal darauf treten konnte?
Oder war es etwas anderes? Etwas, das wirklich unsichtbar war? Aber was?
Donnerstag, 18.05.2023
Es war Vatertag und mein Freund und ich hatten beschlossen, dass wir das schöne Wetter nutzen und mal wieder eine kurze Wandertour im Taunus machen würden. Wir hatten uns für eine Tour auf dem Keltenrundweg entschieden, die wir beide noch nie gegangen waren. Auf dem Weg selbst begegneten wir immer wieder anderen Wanderern und Spaziergängern, und an allen Aussichtspunkten saßen Männer mit Bierflaschen – Vatertag eben.
Das Wetter war auch echt ein Traum; durchgehender Sonnenschein, doch auch nicht zu warm. Im Wald und Schatten musste man das eine oder andere Mal tatsächlich noch eine Jacke überziehen, weil es trotz relativer Windstille nach einiger Zeit aus der Sonne empfindlich frisch wurde.
Wir kamen recht zügig voran und standen bald ziemlich weit oben an einer Weggabelung. Ich stellte mit einem Blick auf die kleine Wanderkarte, die wir aus der Tourismusinformation am Parkplatz mitgenommen hatten, dass wir den linken Weg würden nehmen müssen. Mein Freund fragte, wohin der andere Weg führen würde und ich sagte ihm, dass er am Goldgrubenfelsen vorbei in eine ganz andere Richtung ginge.
Er fragte daraufhin, ob wir nicht eigentlich zum Goldgrubenfelsen wollten. Tatsächlich führte unsere Wanderung zur Goldgrube, aber da wir gerade einmal ein- bis zweihundert Meter davon entfernt waren, beschlossen wir, einen kurzen Abstecher abseits des Wegs in den Wald hinein zu machen und uns auch mal den Goldgrubenfelsen anzuschauen. Auf dem Weg dorthin fanden wir im Wald einen großen Haufen tote Äste und verschlungene Baumzweige, sodass wir dort ein paar Bilder machten. Dann folgten wir dem Trampelpfad weiter und fanden nicht viel später den Goldgrubenfelsen. Als wir näher kamen, roch es auf einmal komisch.
Ich kannte diesen Geruch aus der alten Unterführung an der S-Bahn-Station bei meinen Eltern: Da rauchte jemand Gras.
In diesem Moment frischte der Wind ganz plötzlich auf. Alle Baumwipfel rauschten wie ein wilder Fluss, was ich enorm seltsam fand, da es doch bis gerade noch windstill gewesen war und diese Böen echt heftig waren.
Und dann hörte ich in dem Rauschen des Windes etwas. Es klang wie ein Wort: »Lauf!«
Man kennt es ja, dass man des Öfteren mal etwas meint zu hören, also dachte ich mir nicht mehr dabei. Etwas verwunderlich war, dass der Wind nicht nachließ. Das war keine einzelne Böe, sondern es wirkte fast, als wollte ein Sturm aufziehen.
Und einen Moment später hörte ich es wieder. »Lauf!«
Diesmal hatte es sogar klarer geklungen. Natürlich ist es auch möglich, dass ich es ein zweites Mal hören wollte, doch die Gänsehaut, die sich in diesem Moment auf meinen Armen bildete, hatte nichts mit der Kälte des Windes zu tun. Irgendetwas verschaffte mir ein sehr ungutes Gefühl.
Also hielt ich meinen Freund am Arm fest und sagte ihm, dass wir vielleicht zum Weg zurückgehen sollten, weil dort am Felsen jemand Gras rauchte und wir ihn oder sie nicht stören sollten.
Er stimmte mir zu und merkte an, dass wenn der Wind jetzt so auffrischte, es sicherlich einen Wetterumschwung geben würde und wir noch einiges an Weg vor uns hätten.
Tatsächlich fuhren noch immer die Windböen durch die Blätter und ich hörte immer und immer wieder dieses Wort. »Lauf!«
Schnell machten wir uns also wieder auf den Rückweg und waren wenig später zurück an der Weggabelung, wo wir erneut auf Menschen trafen. Wir setzten unsere Wanderung auf dem Keltenrundweg fort, und ich bemerkte, dass es wieder windstill war.
Keine weiteren Böen, kein Rauschen in den Blättern. Kein weiteres Wort. Und es blieb bis zum Ende unserer Wanderung so.
Ich frage mich, ob es Zufall war, dass der Wind so auffrischte, dass ich meinte, in den Böen etwas zu hören. Und was wohl passiert wäre, wenn wir noch weiter am Felsen entlang gegangen wären.
Wären wir möglicherweise in Gefahr gewesen? Denn immerhin war dort definitiv noch jemand gewesen, wir hatten es gerochen. War es möglich, dass dieses Rauschen im Wind uns gewarnt hatte?