Er lief den schmalen Waldweg entlang, nicht wissend, wo genau dieser enden würde, jedoch mit einer ungefähren Vorstellung. Auch wenn ihm die fremde Sprache noch einige Probleme bereitete, war er bereits lang genug in diesen Landen auf Wanderschaft, um verstanden zu haben, dass es jenseits dieses Waldes ein Dorf geben sollte, das von einer Plage heimgesucht wurde.

Der Rattenfänger strich über die Flöte, die er in der kleinen Tasche an seinem Gürtel trug. Krankheiten und Hungerleiden, Ernteausfälle… nicht selten waren Ratten Ursache oder Teil des Problems, eine Plage. Und hier, im Norden, jenseits des Wassers, wo die Tage noch lang waren, es kaum dunkel wurde, bezahlte man ihn für seine Dienste sogar in barer Münze.

Wer außer ihm, dem Mann in bunter Kleidung mit der hölzernen Flöte, vermochte es auch, eine Stadt innerhalb einer Nacht von unerwünschtem Untier zu befreien?

Es war selten gewesen, dass er nicht bezahlt worden war. Und auch in diesen Fällen hatte die Stadt im Nachhinein bezahlt. Wenn auch auf andere Weise, als sie sich anfangs verpflichtet hatten. Wieder einmal fragte er sich, wie weit sich die Kunde seines Wirkens in Hameln verbreitet hatte. Er konnte sich kaum vorstellen, dass diese Geschichte bis hier vorgedrungen war. Und doch gab es kaum eine andere Erklärung dafür, dass sich die Menschen im letzten Dorf in ihren Häusern versteckt hatten, während er seine Flöte gespielt hatte, um die unliebsamen Nagetiere hervorzulocken. Als hätten sie Angst vor seinem Spiel gehabt.

Ein grimmiges Lächeln erschien auf den Zügen des Rattenfängers. Dabei brauchten sie das nicht. Nicht solange er bezahlt wurde.

Er war immerhin weder so einfältig, dass er seinen zahlenden Auftraggebern schaden würde, noch böse, dass er eine Stadt, die ihm wohlgesonnen war, dem Untergang preisgegeben würde.

Der Rattenfänger richtete den Blick gen Himmel. Er war seit der Dämmerung gelaufen und nun war die Sonne bereits über den Zenit gewandert. Er war das Laufen gewohnt, doch allmählich begannen seine Füße ein wenig zu schmerzen. Es war wohl an der Zeit, eine Pause einzulegen und ein wenig von dem Wegbrot zu verzehren, das ihm die Bäckersfrau am Morgen in ein Tuch geschlagen hatte.

Der Rattenfänger blickte sich um, hielt nach einem größeren Stein am Wegesrand Ausschau, auf welchem er eine Rast einlegen konnte.

Doch noch bevor er einen solchen zu entdecken vermochte, hörte er etwas. Es war ein lieblicher Klang, der durch den Wald zu ihm getragen wurde. Musik. Sein kundiges Ohr erkannte sofort, dass es sich um eine Geige handelte, möglicherweise auch eine Fiedel. Er kannte das Lied nicht, das gespielt wurde, doch er kannte das Handwerk. Die Melodie war schön, nahezu betörend. Nicht alle Töne waren sauber, manche klangen ein wenig verwaschen, doch das tat dem Lied keinen Abbruch. Im Gegenteil, die Melodie war so heiter, frohgemut und befreit, dass den Rattenfänger augenblicklich der Drang ergriff, zu den Tönen tanzen zu wollen. Die Klänge hüllten ihn ein und seine Beine zuckten bereits, ganz so, als wollten sie, auch ohne seine Entscheidung dazu, den Tanz beginnen.

Sofort wurde der Rattenfänger aufmerksam. Er kannte dies. Er hatte es beobachtet, beobachtet an Kindern, die tanzend aus allen Ecken der Stadt zu ihm gelaufen waren, sich dabei im Reigen drehend, unfähig sich dem Zauber seines Spiels, der Melodie seiner Flöte zu entziehen.

Wer auch immer dort fiedelte, er vermochte sein Instrument auf dieselbe Weise zu spielen wie der Rattenfänger. Und dieser kannte diese Fähigkeit gut genug, um zu wissen, dass er diesen Musiker aufhalten musste, da er wohl nicht mehr viel länger in der Lage wäre, dem Drang widerstehen zu können, der höchstwahrscheinlich seinen Untergang bedeuten würde, ganz gleich, ob der Musiker dies beabsichtigte oder nicht.

Also verließ der Rattenfänger den Pfad und schlug sich ins Unterholz. Er bedeckte seine Ohren mit den Händen, hoffend, dass dies zumindest vorübergehend der Wirkung der Musik entgegenwirke.

Eine Weile kämpfte er sich durch Gebüsch, Zweige verfingen sich in seinen Kleidern und rissen an einigen Stellen den Stoff auf. Die Musik wurde immer lauter, war mittlerweile auch durch seine Hände hindurch hörbar, und des Rattenfängers Körper wollte sich mit jeder Faser dem Tanz hingeben. Doch er kämpfte dagegen an und drängte sich an einem letzten Busch vorbei und fand sich am Ufer eines Sees wieder.

Dieser war mitten im Wald versteckt, aber wunderschön, gelegen, doch der Rattenfänger hatte keinen Gedanken, den er an diesen Zustand verschwenden konnte, seine Aufmerksamkeit galt ganz dem Ursprung der Musik.

Auf einem Stein im flachen Wasser saß ein Jüngling, groß von der Gestalt her, mit langem schwarzem Haar, und gänzlich entblößt. Er hielt eine Geige, die Finger der linken Hand glitten über das Griffbrett, während die rechte den Bogen führte. Er schien verloren in seiner Musik, hatte die Augen geschlossen. Offensichtlich genoss er das Spiel.

Möglicherweise war er sich nicht bewusst, was er mit seiner Musik zu bewirken vermochte. Der Rattenfänger selbst hatte dieses Talent, diese Magie, damals auch eher zufällig entdeckt.

Es wurde immer schwerer, den Klängen zu widerstehen, die ihn zum Tanzen aufforderten. Er musste den Jüngling dazu bringen, dass dieser aufhörte zu spielen.

Der Rattenfänger ging einige Schritte auf ihn zu, noch unsicher, was er tun würde. Als er nur noch einige Meter entfernt war, öffnete der andere Mann die Augen. Er unterbrach sein Spiel nicht, als er den Rattenfänger entdeckte. Er hielt Blickkontakt mit ihm und ein Schmunzeln umspielte seine feinen Züge, während seine Weise sich veränderte, noch etwas schwungvoller wurde, sodass der Rattenfänger bereits anfing zu zucken.

Und in diesem Moment wurde ihm bewusst, dass der Musiker genau wusste, was er tat. Er wusste um die Wirkung seines Spiels.

Doch nicht mit dem Rattenfänger! Er überbrückte die Distanz zu dem Jüngling, watete ins knietiefe Wasser des Sees. Doch der Geigenspieler entzog sich mit einer schnellen und geschmeidigen Bewegung dem Versuch ihn zu greifen und lief weiter hinaus in den See. Dabei schien er jedoch nicht in tieferes Wasser zu gelangen, da es ihm weiterhin lediglich bis zu den Knien zu gehen schien. Als der Rattenfänger ihm folgen wollte, reichte es ihm jedoch nach wenigen Schritten bereits bis zu den Hüften.

Er würde diesen Geiger nicht erreichen können. Und jener wollte wohl nicht aufhören zu spielen.

Und des Rattenfängers Widerstandkraft war beinahe aufgebraucht.

Nun gab es nur noch eines, was er tun konnte, nur noch eines, was ihn vielleicht retten könnte.

Der Rattenfänger griff an seinen Gürtel, in die Tasche und holte seine Flöte hervor. Er setzte sie an und begann seinerseits zu spielen. Er spielte das Lied, das Hameln von seinen Kindern befreit hatte.

Augenblicklich nahm der Drang ab, zu dem Lied des Anderen tanzen zu müssen. Es verflog nicht, doch es wurde erträglicher.

Dafür erkannte der Rattenfänger, dass die Züge des Jünglings sich verkrampften. Er spürte die Wirkung der Melodie des Rattenfängers, spürte nun, was seine Musik mit den Menschen tat.

Doch so leicht gab sich der Näcken nicht geschlagen. Sein Lied wurde frenetischer, ungezügelt, sodass es den Rattenfänger wieder zu beeinflussen begann. Also versuchte er, sich einzig auf seine eigene Weise zu konzentrieren, nur den Tönen zu lauschen, die er selbst spielte, die ihm selbst nichts anhaben würden.

Und seine eigene Leidenschaft zeigte Wirkung, der Sog der Musik des Rattenfängers erfasste den Näcken und der Jüngling begann allmählich wieder in das flachere Wasser zu kommen, begab sich widerwillig in die Nähe des Rattenfängers.

Doch je näher er kam, desto mehr erreichte die Geigenmusik aber auch wieder das Ohr des Rattenfängers.

Zudem kam ihm in diesem Moment die Frage, was er überhaupt tun sollte, sollte er den Näcken tatsächlich mehr verzaubern als dieser ihn. Für gewöhnlich folgten ihm die Ratten oder auch Menschen, er führte sie zu einem Gewässer, in welchem sie ertranken. Doch der Näcken lebte wohl selbst an oder in diesem Gewässer und versank ganz offensichtlich nicht darin. Also, wie sollte der Rattenfänger ihm beikommen?

Er sah tatsächlich keinen Weg. Möglicherweise könnte er ihn mit seinem Reisemesser erstechen. Aber war dieser Näcken überhaupt ein Mensch? Oder war er etwas anderes?

Die Menschen dieser Lande hatten von Waldgeistern berichtet, von Tomtes, von Trollen.

War dieser Näcken kein irdisches Wesen?

In diesem Fall wäre da nichts, was der Rattenfänger tun könnte.

Vielleicht wäre es besser, einfach aufzugeben. Dem Drang nachzugeben und zu tanzen. Denn das wollte er. Er wollte tanzen. Je näher der Näcken kam, desto mehr wollte der Rattenfänger tanzen.

Da wurde er nun mit seiner eigenen Waffe geschlagen, mit der verzaubernden Kraft der Musik, von einem Wesen, das ihm als nackter Jüngling erschien.

Die Anstrengung zu widerstehen wurde zu groß, also gab der Rattenfänger auf. Er begann zu tanzen, hörte dabei jedoch nicht auf zu spielen. Es fühlte sich so gut an, seine Schritte zu der Melodie der Geige zu setzen, sein so verkrampfter Körper verlor die Spannung, er fühlte sich glücklich und gelöst, als wäre dies alles, was ihm zur Erfüllung gefehlt hätte.

Er wollte sich nur noch im Tanz verlieren.

Beinahe rechnete er damit, dass der Näcken, nun, da er den Rattenfänger die Musik gefangen hatte, etwas tun würde, aber das tat er nicht. Tatsächlich folgte er dem tanzenden Rattenfänger, folgte dessen Schritten.

Eine Weile umkreisten sie auf diese Weise den See, der Rattenfänger tanzend, der Näcken ihm folgend, und als die Sonne zu sinken begann, bemerkte der Rattenfänger, dass er nicht mehr die Melodie spielte, die er kannte, die er eigentlich hatte spielen wollen, die Melodie, die die Kinder zu ihm geführt hatte.

Und auch des Näckens Lied hatte sich verändert.

Der Rattenfänger bemerkte es, da er nicht mehr das Bedürfnis hatte zu tanzen. Er verweilte, und auch der Näcken verweilte, und der Rattenfänger wurde gewahr, dass sie dieselbe Weise spielten, eine, die ihm selbst zuvor gänzlich unbekannt gewesen war.

Sein Blick fand den des Näcken. Und auch jener schien verwundert, unterbrach ihr Spiel jedoch ebenso wenig wie der Rattenfänger.

Sie verweilten in ihrem Duett, das kein Ende fand, während der Mond über den Bäumen erschien. Irgendwann watete der Näcken wieder hinaus in den See, und der Rattenfänger folgte ihm. Er hatte Sorge, dass das Duett enden könnte, wenn er dem Jüngling nicht mehr nahe wäre. Der Rattenfänger rechnete fest damit, dass er im Wasser versinken würde, doch das tat er nicht. Wie dem Näcken reichte auch ihm das Wasser nur bis zum Knie, er fühlte noch immer den Grund des Sees unter den Füßen, auch wenn sein Verstand ihm sagte, dass dies nicht sein konnte.

Im Mondenschein standen sie nun einander gegenüber in der Mitte des Sees und spielten. Keiner von ihnen wurde müde, der Rattenfänger verspürte keinen Hunger, keinen Durst.

Ihr gemeinsames Lied war alles, was er noch brauchte.

Sie bemerkten nicht, wie die Menschen zwischen den Bäumen erschienen. Der Wind hatte die Melodie weit über das Land getragen, weiter als es hätte sein dürfen, und die Menschen hatten die Weise gehört und, verzaubert von dem Klang, einen Reigen gebildet. Sie hatten sich im Tanz gefunden, jedoch zugleich das Bedürfnis gehabt, der Musik zu folgen. Und so waren sie tanzend in die Wälder gelaufen, hatten sich durch Unterholz und Gebüsch geschlagen, sodass sie nun mit zerrissenen Kleidern, blutigen Füßen und Waden den See erreichten.

In dessen Mitte standen der Rattenfänger in den bunten Kleidern und der Näcken, dessen Haut im Mondlicht schimmerte. Die Melodie zog die Menschen weiter zu ihnen, sodass sie in den See tanzten, das Wasser spritzte unter ihren Bewegungen, die spiegelnde Fläche wurde gebrochen. Sie liefen tiefer ins Wasser, bis sie unter dessen Oberfläche verschwanden. Einer nach dem anderen tauchte unter, und kam nie wieder nach oben.

Der Strom der Menschen riss nicht ab, Frauen, Männer, Greise, Kinder, alle kamen herbei, gelockt von der Melodie tanzten sie in ihr Verderben.

Nach dieser Nacht waren drei Dörfer menschenleer.

Den Rattenfänger hat man nie wieder gesehen, doch wenn man durch einen bestimmten Wald läuft, so hört man noch immer das bezaubernde Duett des Rattenfängers und des Näckens.

Und es wird das letzte sein, was man jemals hören wird.

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